1005) Der historische Kampf gegen Klassenherrschaft, seine Elemente. 547
jelbst zu einer engherzigen, für sich sorgenden Klasse geworden, besonders da, wo nicht die
zffentliche Gewalt und die Teilnahme der übrigen Bürger am öffentlichen Leben die Miß—
hräuche der Bureaukratie hinderte. Aber im ganzen ist die Staatsmaschine durch diese
Art der Arbeitsteilung, durch diese Schulung der Regierenden, durch die hier entstandenen
anständigen Traditionen und Gedankenkreise doch zu einer Kraft und festen Organisation
zekommen, wie früher nie, und andererseits zu einem Bollwerk gegen Klassenherrschaft,
wie es den antiken und den mittelalterlichen Staaten sehlte. Diese Kreise sind die
Träger einer idealen Staats- und Wirtschaftsauffafsung; selbst soweit sie der Feudal—
aristokratie oder der Bourgeoisie entstammen, ist ihr Horizont nicht mehr der des
Erwerbstriebes, der reinen Standesvorurteile: sie verstehen die Interessen der unteren und
mittleren Klassen, mit denen sie in tägliche Amtsberührung kommen, besser als die
ꝛrwerbenden oberen Klassen; sie bilden mit den Rechtsanwälten, Arzten, Künstlern,
Journalisten eine Art neutraler Sphäre gegenüber den eigentlich kämpfenden Klassen.
Und dazu kommt nun die heutige öffentliche Meinung, soweit sie eine freie, nicht von
herrschenden Klafsen gekaufte ist.
Neben aller Klassenzerklüftung und leidenschaftlicher Agitation für Klaffeninterefsen
hat sich mit der heutigen Litteratur und Presse, so sehr sie auch in einzelnen Organen
den Klossen dient, doch eine gesunde öffentliche Meinung entwickelt, deren Hauptfunktion
eine gefühlsmäßige Reaktion gegen Regierungs- wie Klafsenmißbräuche ist. So oft die
öffentliche Meinung auch kleinmütig und kurzsichtig ist, vernünftige Reformen hindert,
mmer mündet sie doch zuletzt wieder in starke Akkorde für das Edle und Gute, für
Recht und Wahrheit ein. Jede tüchtige und kluge Regierung hat zuletzt die öffentliche
Meinung auf ihrer Seite. wenn sie den Klafssenegoismus und die Klassenmikbräuche
bekämpft.
Sie kann dies um so leichter heute, weil die moderne Gesellschaft großer Staaten
nie bloß in zwei Klassen, eine herrschende und eine beherrschte zerfällt, sondern in eine
zanze Reihe von Klassen mit sehr verschiedenen Interessen. Freilich auch schon in
senen einfachen Verhältnissen, wo es sich nur um zwei Klassen handelte, hat immer
wieder eine zielbewußte fürstliche Gewalt über die ihr feindliche Aristokratie hinweg dem
Volke die Hand gereicht und so sich befestigt. Alle ältere Königsgewalt beruhte darauf,
wie der neuere aufgeklärte Despotismus oder der Cäsarismus Cromwells und der
Napoleons. Vor allem aber war und ist das divide et impera da leicht, wo eine
geistliche und kriegerische Aristokratie, wo eine ländliche und städtische Klafse von Eigen—
kümern, wo Grundbesitzer und Fabrikanten sich gegenseitig im Schach halten, wo neben
beiden die Geld- und Bankaristokratie mit selbständigen Interessen steht, wo ein einfluß—
ceicher Stand liberaler Berufsarten sich gebildet hat, der mit wenig oder ohne großen
Besitz einen Hauptfaktor der Regierung und der öffentlichen Meinung bildet, bald den
höheren besitzenden, bald den nicht besitzenden Klassen zustimmt. Neben den aristokratischen
einflußreichen Kreisen steht heute in den meisten Ländern ein breiter Mittelstand von
Bauern, Pächtern, Kleinhandwerkern und Kleinhändlern, welcher dem Klassenegoismus
der oberen und der unteren Klassen entgegenzutreten bereit ist. Alle Arten von Bünd—
nissen der Arbeiter mit den Grundbesitzern, mit der Bourgeoisie, mit dem Mittelstande,
'ommen in der Gegenwart vor. Auch der geistvolle Verteidiger einer rein socialistischen
sKlassengeschichte, Loria, muß dies zugeben und leitet daraus die meisten bisher erzielten
socialen Fortschritte ab. Wenn englische Tories die —E 00
hauptsächlich durchsetzten, und wenn Bismarck mit Lafsalle verhandelte, das allgemeine
Wahlrecht als Schachzug gegen die Bourgeoisie gab, so liegt darin ein schwerwiegender
Beweis fur die Wirksamkeit solcher Kombinationen der verschiedenen Klasseninteressen
und fur ihre Kraft zur Überwindung des entgegenstehenden Klafssenegoismus.
d) Glauben wir so nachweisen zu können, daß notwendige innere Ursachen der
staatlichen Entwickelung die Klassenherrschaft immer mehr einschränken können und werden,
so haben wir damit noch nicht bewiesen, daß die Klassenkämpfe verschwinden werden.
Wohl aber werden wir hoffen können, daß ihre Art des Auftretens, ihre Entscheidung
zine andere, bessere, billigere, vernünftigere werde.