1009) Der weltgeschichtliche Fortschritt in der socialen Schichtung. 551
gefühle. Die steigende Einsicht in die Zusammenhänge der Gesellschaft macht die
Menschen rücksichtsvoller. Vor allem aber greift der sociale Erziehungsprozeß, wie ihn
die höhere Kultur gestaltet hat, tief in die sociale Gliederung ein. Solange es keine
andere Erziehung giebt als durch die Eltern oder die von ihnen bezahlten Lehrer, bleibt
der Fortschritt im engsten Kreise der Aristokratie, steigert er sich nur in der bereits
höher stehenden Familie. Anders wird es mit allem Schulwesen. Der größte sociale
Resormatör des Altertums, Solon, ging, nachdem er die Schuldknechtschaft beseitigt,
die Ehre des Gewerbebetriebes gehoben hatte, daran, die bisherigen aristokratischen
Schulen und gymnastischen uübungsplätze dem größeren Teil des Volkes zugänglich zu
machen. Eine demokratische Schulresorm sollte der Schlußstein der socialen sein. Die
einsichtigsten heutigen englischen Verwaltungsbeamten Indiens, die einsehen gelernt
haben, daß jeder direkte Kampf gegen das Kastenwesen unmöglich sei, sprechen neuer—
dings die sichere Hoffnung aus, daß es dem vordringenden Schulwesen gelingen werde,
es in absehbarer Zeil zu beseitigen. Und es ist klar, nur eine allgemeine gesellschaft—
liche Organisation des Unterrichts für alle, wie sie im Keime mit der christlichen Kirche
gegeben war, wie sie für die höheren Stände schon im Mittelalter entstand, wie sie
dann von den Reformatoren für das ganze Volk erstrebt, von den vorangeschrittensten
Staatsgewalten, hauptsächlich den deutschen, in den letzten 100 Jahren endlich in
unserer Volksschule neben den höheren Schulen durchgeführt wurde, ermöglicht zunächst
eine gewisse Freiheit der Berufswahl, giebt die Moͤglichkeit, die Talente der unteren
Klassen in höhere Schulen zu bringen, beseitigt den schroffsten focialen Gegensatz, welcher
die stärkste Abhängigkeit bedingte. Nur auf der gänzlichen Vernachläfsigung der staat—
lichen Pflichten im Schulwesen beruhte die Verkommenheit des englischen Arbeiter—
proletariats in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderis; schon R. Owen sah den
Schwerpunkt der socialen Reform in Schulen für die Arbeiterkinder. Nicht die Schule
Tlein, aber sie doch wesentlich und in Verbindung mit den anderen Mitteln und Ein—
richtungen körperlicher, intellektueller und moralischer Zucht beherrscht die Zukunft
unserer unteren Klassen. Je weiter unser ganzes Bildungs- und Unterrichtswesen sich
loslöst von der Familie, je mehr es sich als eine große selbständige Organisation in
den Händen des Staates, der Gemeinden, der Korporationen, der Vereine gliedert, je
mehr neben die Volks- die Fortbildungsschule, die Fachschulen, die Kunst- und Gewerbe—
schulen für alle Arbeiter, Werkmeister, für den ganzen Mittelstand treten, desto mehr
werden die geistigen Bande der Gemeinsamkeit wachsen, desto mehr werden den un—
günstigen erblichen Klasseneinflüssen Gegengewichte geschaffen. Wo man ein breites
uͤrchliches und Privatschulwesen zuläßt, wird die ganze Institution weniger einheitlich
werden, als wo der Staat mehr oder weniger das Schulwesen in der Hand hat.
Wir werden deshalb nicht heute schon, wie demokratische Optimisten glauben,
behaupten können, alle erbliche Überlieserung höherer Eigenschaften trete gegen die
Erziehungseinflüsse ganz zurück, es habe sich heute schon jene starke Biegsamkeit aller
körperlichen und geistigen Eigenschaften gebildet, die gestatle, aus jedem Individuum
alles zu machen. Aber sicher ist, daß Schule, Presse, Theater, öffentliche Meinung auf
die ganze Bevölkerung mehr und mehr einen einheitlichen nivellierenden Einfluß aus⸗
üben, Es ist ein geistiges Fluidum entstanden, das in alle Poren dringend die Gesell—
schaft gewissermaßen demokratisiert. Am stärksten ist neuerdings die Bevölkerung der
von Euͤropäern kolonisierten Gebiete nivelliert, wo das europäische Proletariat und die
europäische Aristokratie fehlt, wo eine allgeneine Volks⸗, aber noch keine breite höhere
Schul, und Geistesbildung vorhanden ist, wo eine Auslese derb kräftiger Einwanderer
und Kolonisten einen sehr breiten Mittelschlag zum Typus der ganzen Bevölkerung
macht; hier treffen wir eine ganz nivellierte —XD—
Gegensätze des Vermögens als in Europa. Auch die Schweiz zeigt im Zusammenhang
mit ihrem Schul- und Bildungswesen ähnliche Züge.
Sind so das staatliche geordnete Schulwesen und, wie wir im vorigen Paragraphen
sahen, die ganzen Rechts- und Verfassungseinrichtungen die Haupthebel für den socialen
Foörtschriit so kommen natürlich die gesamten Wirtschafts-, zumal die eigentlich socialen