Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

552 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [1010 
Institutionen nicht weniger in Betracht. Ist es ja doch der Grundgedanke unseres ganzen 
Brundrifses, daß die socialen Institutionen es seien, die immer verbessert, immer mehr 
ethisiert, das Naturspiel der Erwerbskräfte, die Beutegier der Starken, der Reichen, die 
steigenden wirtschaftlichen Verschiedenheiten des Einkommens und ihre Ursachen immer 
vieder in gewisse Schranken weisen. Wir haben oben (JS. 65—66) schon gezeigt, daß 
zwar aller Fortschritt von Streit und Kämpfen begleitet sein müsse, daß der Preis des 
Fortschrittes der Untergang der zu schwächlichen, zu unvollkommenen Individuen und 
socialen Gruppen sei, daß aber wie im internationalen Kampfe, so auch im 
nationalen die Friedensordnung wachse, die Kampfarten und Kampfmittel 
immer mehr eingeschränkt werden. Daß an die Stelle der brutalen Niederwerfung die 
Intscheidung von Schiedsgerichten resp. die einer gerechten Staatsgewalt trete, daß die 
Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse sich mehr und mehr in solche der Anpassung, 
Verträglichkeit, der Erziehung und sittlichen Wechselwirkung verwandeln, daß immer 
wieder auch die unteren und mittleren Klassen sich teils selbst emporheben, teils vom 
Staate geschützt und gehoben werden. 
Man muß nur mit Jahrhunderten rechnen, um z. B. zu sehen, wie die ägyptisch— 
attische Wuchergesetzgebung, von Cäsar nach Rom übertragen, das ganze Mittelalter 
beherrscht hat, nach der kurzen Verdrängungszeit 1830 — 80 jetzt wieder aufersteht und 
im Begriff ist, auf das ganze Privatrecht sich auszudehnen. Man muß in Bezug auf 
den Kleinbauernschutz sich erinnern, wie er in der älteren Blütezeit Griechenlands und 
Roms vorhanden, von den späteren Kaisern wieder aufgenommen wurde, wie dann die 
Kirche und die agrarischen Genofssenschaften selbst ihn in die Hand nahmen, wie das 
erstarkende Königtum ihn vom 16. —18. Jahrhundert wenn auch nicht überall, aber 
doch mannigfach handhabte, wie im 19. Jahrhundert die reformatorischen Agrargesetze 
don 1807-50, das irische Pachtrecht von 1870 an, das amerikanische Heimstättenrecht 
und seine kolonialen Nachahmungen mit ähnlicher Tendenz eingriffen und wirkten. 
Sollen wir hier noch daran erinnern, wie Jahrhunderte lang das Innungswesen und die 
hausindustriellen Reglements die kleinen Gewerbetreibenden schützten, hoben, erzogen? 
daran erinnern, wie die heutige Hebung des Arbeiterstandes auf seinem Vereinsrecht, 
seinen Gewerkvereinen und Schiedsgerichten, seinen Genossenschaften, seinem Versicherungs⸗ 
recht, seinem Arbeitsnachweis, sowie auf dem Arbeiterschutzrecht und den neuen kollektien 
Arbeitsverträgen, endlich auf seiner durch das heutige Recht zugelassenen politischen 
Organisation, seiner Vertretung in Parlamenten und lokalen Verwaltungen ruht? Sollen 
wir wiederholen, was wir oben über die zunehmende Beschränkung der ganz freien 
Konkurrenz, über die Zunahme von Gemeinde- und Staatsbeamten, über die veränderte 
Rechtsverfassung der privaten Betriebe sagten? Die große Unternehmung wird, wie wir 
zu zeigen suchten, in genossenschaftlich-gesellschaftlichen Formen mehr und mehr eine 
halb öffentliche, durch wirtschaftliche und staatliche Organe, durch die Offentlichkeit 
kontrollierte Anstalt. J 
Sind das nicht lauter tiefeinschneidende Anderungen unserer socialen Institutionen, 
die alle dahin wirken, die brutalen Klafsenkämpfe einzuschränken, die Schwachen zu 
heben, den Machtgebrauch der Starken einzuschränken, die Mittelstände nicht so leicht 
finken zu lassen wie früher? Niemals früher ist so wie im 19. Jahrhundert die Lage 
der unteren Klassen untersucht worden; niemals früher hat die Offentlichkeit sich so mit 
hnen und der Verbesserung ihrer Lage beschäftigt; nie war ihr politischer Einftuß und 
ihre Macht so groß, wenn auch andere Zeitalter in kleinen Republiken viel demo— 
tratischere Verfassungen hatten. 
Daß freilich mit all' dem die socialen Mißstände der Gegenwart überwunden werden, 
olgt noch nicht mit Notwendigkeit aus den geschilderten Institutionen und geistigen 
Bewegungen. In jedem einzelnen Volke kommt es zugleich darauf an, in welchem 
Tempo die Bevölkerung zunehme, die wachsende zu Hanse dder in Kolonien, durch Absatz 
auf fremden Märkten reichlich zu beschäftigen sei, ob der technische Fortschritt andauere 
und die wirtschaftliche Existenz weiter erleichtere, vor allem auch ob die Macht des 
einzelnen Staates in der Staatengesellschaft zu- oder abnehme, ob sein Verfassungsleben
	        
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