499) Die Beurteilung der neueren Handelsorganisation. 41
Die kleinen Detailhändler klagen heute allgemein und nicht mit Unrecht über
ihre schlechte Lage. Regierung und große Parteien suchen sie durch eine wohlwollende
Mittelstandspolilik zu heben und zu stützen. Aber nicht minder wird über sie selbst geklagt;
sie lieferten teure, teilweise schlechte und gefälschte Ware; die Aufschläge durch sie seien
zu hoch, gingen bis 80, 50, 80 Prozent. Richtig ist, wie wir sahen, daß der Detail⸗
handel sich übermäßig vermehrt hat, daß viele Elemente in ihm einen Rettungsanker
erblicken, die weder geschästs- noch warenkundig sind; das Publikum findet es bequem,
in jedem vierten Hauje einen Laden zu treffen; die Uberzahl dieser halbbeschäftigten,
lechnisch und kaufmännisch nicht sehr hoch stehenden Geschäfte kann nicht gedeihen, trotz
Verabredungen und hoher Aufschläge. Die ihnen erwachfende Konkurrenz der Hausierer,
der Musterreisenden, der Versandgeschäfte, der Konsumvereine, der Warenhäufer mag
da und dort auf zu geringer Besteuerung, auf Schleuderware und Reklame beruhen;
im ganzen ist sie ein natürkicher Versuch, die Fehler und Mißbräuche des alten, etwas
schläfrigen, des Kapitals und der Intelligenz oftmals entbehrenden Kleinhandels zu
korrigieren. Der Konsumverein spart an teurer Miele und Reklame, er hat seine festen
Kunden; er liefert gute, unverfälschte, preiswerte Waren gegen Barzahlung, lockt die
Teilnchmer durch die Verteilung des Gewinns als Dividende nach dem Maß der Ein—
käufe. Die Großbazare und Warenhäuser, die so viele kleine Läden jetzt tot machen,
haben gewiß manche häßliche Zuge: aufdringliche, geschmacklose Reklame, teilweise Schund⸗
und Schwindelware; sie behaudeln ihr Personal nicht immex so sehr viel vesser als die
kleinen Geschäfte; aber die meisten werden — durch die Offentlichkeit kontrolliert —
auch bald genötigt, gute billige Waren zu liefern, ihr Personal gut zu bezahlen und zu
behandeln; fsie müssen coulant verfahren; fie strengen sich bis zum äußersten an, alle
technischen Fortschritte anzuwenden, durch großen Ümsatz den Nutzen, den sie an jedem
Stück haben, herabzusetzen, die große Verteuerung, die aller Zwischenhandel an sich
enthält, herabzumindern.
Das schließt nicht aus, daß ein großer Teil des alten Kleinhandels sich erhält;
er wird es um so eher, je rascher die geringeren Elemente aus ihm verschwinden, die
bleibenden die Vorzüge der Warenhäuser und Konsumvereine, ihre vorangeschrittenen
Geschäftsgepflogenheiten, soweit es den kleinen Geschaften möglich ist, nachahmen. Diese
behalten immer die großen Vorzüge örtlicher Nähe und einheitlicher Leitung durch den
Eigentümer. Man mag durch allerlei Mittel eingreifen, ihnen durch Kredit, durch
Verbände und richtige Besteuerung helfen. Das beste müssen sie doch selbst thun.
Konsumvereine und Warenhäufer stellen Großbetriebe dar, sind Vertreter des
Neuen, des Fortschrittlichen. Es wäre falsch, sie durch Steuern ober sonstwie erdrücken
zu wollen. Man hat gesagt, es widerstreite der Arbeitsteilung, daß der Konsument
im Konsumverein den Kaufmann spiele. Das thut er nicht: der kaufmännische Beamte
des Konsumvereins besorgt das Geschäft des Detailhändlers, und daß er dabei unter
emem genossenschaftlichen Vorftand sicht, daß die Miiglieder in der Generalversammlung
etwas von den Preisen, den Bezugsquellen, den Geheimnissen des Detailhandels erfahren,
ist kein Unglück. Beim Warenhaus steigert sich allerdings die centralisierte Macht des
Handelsvermittlers so, daß die Übermacht zu Mißbräuchen führen kann. Man bekämpfe
fie, suche ihm die Rechtsform zu geben, die dem Gesamtinteresse entspricht. Man hat
schon übertreibend gesagt, die Frage der Zukunft sei nicht, ob der alte kleine Detail—
laden sich erhalte, sondern ob er durch die genossenschaftliche oder durch die groß—
kapitalistische Organisation ersetzt werde. Auch die großkapitalistische kann sich in
Aktien- oder Genossenschaftsform auflösen, kann mehr als visher von der Offentlichkeit
kontrolliert, wo sie wirklich zum Monopol wird, enlsprechend hoch besteuert werden.
Jedenfalls aber kann es nie ein richtige Politik sein, alte absterbende, einer
vergangenen Technik, einem alten Verkehr entsprechende Lebensformen um jeden Preis
und in alter Ausdehnung künstlich erhälten zu wollen. Es kann in einer Zeit, in
welcher die Handelsvermiltler auf die dreifache Zahl gestiegen sind, in der diese Ver—
mittelung einen steigenden Teil der Preise ausmacht und ausmachen muß, nicht an—
gezeigt sein, jedes bestehende Glied in der Kette, jedes Geschäft, b es notwendig ist