554 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. —(1012
lassen die Verelendungstheorie, die fsocialistische Krisentheorie, die Theorie von der
wachsenden Kapitalanhäufung in den Händen Weniger mehr oder weniger fallen. Marx'
dritter Band (1894) trug am meisten dazu bei, die Mehrwerttheorie als ein Gedanken—
phantom zu offenbaren. Der energische Kampf um die politische Macht, d. h. zunächst
um eine größere Stimmenzahl in Parlament und Gemeinde ist eigentlich an sich schon
ein Verzicht auf die Revolution, ein Übertritt auf den Rechtsboden des heutigen Staates.
Aber jeder solche Umbildungsprozeß kann nur ein sehr langsamer sein. Zunächst
herrschen noch die ältern extremen leidenschaftlichen Fuührer und suchen die Massen für
Revolution und Vernichtung der bestehenden Gesellschaftsordnung zu entflammen, ob—
wohl sie sehen, daß eine Straßenrevolte nur der Reaktion dienen, Elend und Not unter
den Arbeitern verbreiten würde, obwohl sie wissen, daß die Arbeiter heute unfähig wären,
die Leitung der Produktion in die eigene Hand zu nehmen. Hier liegt die Gefahr der
extrem radikalen Bewegung: es fragt sich, ob nicht auch einem Bebel und Singer rasch
die Zügel entgleiten, auf noch radikalere Genossen übergehen würden. Katastrophen
und blutige Kämpfe sind also gewiß nicht ganz ausgeschlossen, zumal wenn in der ent—
scheidenden Stunde schwache Staatsmänner an der Spitze ständen. Aber solche Kata—
strophen können ebenso gut vermieden werden, wenn man statt gewaltsamer Unterdrückungs—
versuche fest den Frieden in der Gesellschaft aufrecht erhält und ohne äußere Einmischung
in die socialdemokratische Partei die steigende wirtschaftliche, geistige und moralische
Hebung des Arbeiterstandes fördert, den vernünftigen Politikern in der Partei den Sieg
über die Demagogen erleichtert. Dann wird auch nach und nach der blinde Haß gegen
alle anderen Klaffen und alle Staatsautorität sich mildern; dann werden auch die
falschen politischen Ideale, die heute die Socialdemokratie noch beherrschen, sich soweit
modifizieren, daß die Arbeiter fähig werden, mit den anderen Klassen und der Regierung
praktisch zusammen zu wirken.
Die Politik und die Taktik nicht aller Arbeiter, aber der extrem radikalen, beruht,
ähnlich wie das immer in der Geschichte der Fall war, auf der psychologischen That—
jache, daß ihr Denken und Handeln mehr durch Gemütsaffekte als durch Verstand, mehr
durch Rationalismus als durch Weltkenntnis beherrscht wurde. Alle extrem radikalen
Parteien haben etwas jugendlich Knabenhaftes (Kohmer-Bluntschli). Sie halten sich für
die „Guten“, alle andern Parteien und Klassen sür die „Schlechten“, wie einst auch Abt
die Partei der Liberalen für die einzig „gute“ hielt; freilich hat auch Stahl die Kon—
servativen für die allein „auf die göttliche Ordnung“ gestützte erklärt. Die Arbeiter
sind zunächst nicht recht fähig, die oberen Klassen, die Regierenden von innen heraus auch
nur zu begreifen. In ihrer Verhetzung, in ihrer Hoffnung auf den Sieg des Proletariats
können sie nicht verstehen, daß jede Partei und jede Klasse, um ohne gewaltsamen Umsturz
oder um überhaupt dauernd ihre Ziele zu erreichen, sich auf bestimmte erreichbare Zwecke
beschränken muß, während dieses beschränkten Kampfes alle anderen Gebiete und Ein—
richtungen des Staats- und Gesellschaftslebens gleichsam als eine Sphäre des Gottes—
friedens betrachten muß. Die historische Wahrheit, daß jede höhere Kulturstufe auf
einer Mischung und Versöhnung heterogener Institute, z. B. demokratischer und aristo—
kratischer, republikanischer und monarchischer, beruhe, ist ihnen noch verschlossen. Den
ganz berechtigten demokratischen Zug der Zeit übertreiben sie bis zur Karikatur, bis
zum Rückschritt um Jahrtausende. Darüber noch einige Worte.
Der demokratische Gleichheitsgedanke, wie ihn das Christentum schuf, wie die Auf—
klärung des 18. Jahrhunderts ihn dann abstrakt formulierte, brachte den meisten
Staaten erst die Beseitigung des Stände- und Privilegienstaates, die Rechts- und
Steuergleichheit, die Teilnahme des Volkes an Regierung und Selbstverwaltung. Die
breite Ausdehnung des politischen Stimmrechtes sür Staats- und Gemeindewahlen in Eng—
land, Frankreich, Deutschland und anderwärts mag man an bestimmten Punkten für falsch
oder verfrüht halten, im Prinecip kann kein Geschichtskundiger sie ganz verwerfen; sie
war notwendig und heilsam, um uns vor Verschwörungen und Überraschungen zu
bewahren, um das ganze Volk politisch zu erziehen, von älteren Klassenmißbräuchen zu
befreien. Aber das erträgliche Maß dieser Tendenzen ist verschieden; es muß dem