Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

556 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [(1014 
der Führer täglich; nirgends ist der Autoritätsglaube mehr Bedürfnis als hier; es 
bildet sich bereits ein Heiligenkultus für die verstorbenen Führer aus. Aber es handelt 
sich bei dieser Umbildung um einen langsamen Prozeß; es handelt sich noch mehr um 
einen politischen Erziehungsprozeß, den man durch möglichste Heranziehung der Arbeiter 
zjur Selbstverwaltung fördern, nicht durch ihre falsche Ausschließung erschweren sollte. 
Es handelt sich im heutigen Staate darum, die Arbeiter in jeder Beziehung 
gerecht, billig, sachlich zu behandeln, ihnen nicht das Opfer ihres Glaubens, den Verrat 
aän ihren Führern, den Verzicht auf ihre jetzigen Rechte zuzumuten; bei aller Provo— 
s'ation, bei allen einzelnen rohen oder ungebührlichen Exzessen, wie sie bei dem Bildungs— 
niveau der unteren Klassen vorkommen müssen, ruhig zu bleiben, sich weder in Angst 
noch in Leidenschaft versetzen zu lassen. Es handelt sich vor allem darum, alle Be— 
hörden und Gerichte anzuweisen, nicht — was so leicht unbewußt geschieht — Partei 
für die Unternehmer und Besitzenden zu ergreifen. Ein Menschenalter solcher Verwaltung 
löst sicher einen großen Teil der socialen Frage. 
Dann aber handelt es sich natürlich in den großen Fragen der politischen Ver— 
iassung und der wirtschaftlichen Organisation darum, die richtige Mitte zwischen den Kon⸗ 
zessionen, die man den Arbeitern macht, und der energischen Verteidigung des bestehenden 
Eigentums, der bestehenden Staatsverfafsung, des Einflusses, den höhere Bildung, 
große staatliche Traditionen haben müssen, der Machtorganisation, auf dem das Deutsche 
Reich beruht, innezuhalten. Gelingt diese Mitte, so ist in Deutschland leichter als in jedem 
anderen Lande ohne Revolution durch langsam maßvollen Gang der Reform das Ziel der 
Versöhnung zu erreichen. In Westeuropa und den Vereinigten Staaten hat die Staats— 
regierung geringere Macht, resp. sie hat eine genügende nur durch Annäherung an 
die Diktatur eines populären Staatsmannes, eines Präsidenten. In Ost- und Süd— 
europa steht die Arbeiterschaft noch viel tiefer; hier sind die Pläne noch viel utopifcher, 
hier glaubt die Masse noch mehr an Putsche und Revolutionen; hier kommen noch 
heute die anarchischen Mordthaten vor; die Erhebungen werden hier leichter nieder— 
geschlagen werden, ohne zu Reformen zu führen. 
Auch in Deutschland wird es, wie gesagt, wahrscheinlich noch ernste Kämpfe kosten; 
aber es wird nicht unmöglich sein, sie auf dem Boden des Rechtes festzuhalten, sie nicht in 
Umsturz und Pöbelherrschaft enden zu lassen. Es wird endlich auch der Soeialdemokratie 
dämmern, daß sie als politische Partei nur ein Teil des Ganzen, nicht das Ganze sei, 
daß sie mit Teilerfolgen zufrieden sein muß, daß ihr gerade in Deutschland noch große 
und starke Gewalten entgegenstehen. Sie wird lernen müssen, einzusehen, daß im 
historischen Leben jede Bewegung wie die ihrige nach einem Höhepunkt wieder abwärts 
geht, daß sie wie einst der Liberalismus froh sein muß, mit der starken Monarchie 
und den bestehenden konservativen Mächten im Staate zu paktieren. Die liberale 
Partei war 1800—1875 die Kraft, welche das Neue, die Bewegung vertrat, vielfach 
im Bunde mit den Regierungen; dann ist der eine Teil konservativ geworden, der 
andere ist zur neuen Bewegungspartei, zur socialistischen übergegangen. Dauernd er— 
reichen kann diese nur etwas in Deutschland, wenn sie Krone, Beamtentum, einen Teil 
der Gebildeten für sich hat. Dazu muß sie ihre Forderungen herabstimmen. 
Um so mehr, als allgemein konservative, centralistische, die Staatsgewalt fördernde 
Strömungen überhaupt näher rücken und wahrscheinlich die nächste Generation beherrschen 
werden. Das ist schon zu erwarten nach dem, was Wundt das Gesetz der Kontraste 
nennt, was Ranke so oft über den Wechsel der historisch vorherrschenden Geistesrichtungen 
zesagt hat. Es ist auch nach konkreten Thatsachen zu erwarten. Die internationalen 
Spannungen wachsen und machen starke feste Führung des Staates noch nötiger als 
die inneren Spannungen. Wir haben schon betont, daß auch in den Ländern der 
Demokratisierung der Kultus der großen Männer wächst. Imperialistische Politik, wie 
jetzt die Vereinigten Staaten und Großbritannien sie treiben wollen, bedürfen der 
Männer mit eäsarischem Stil, wie es Disraeli war, Chamberlain sein will. Auch 
Roseberry und Sidney Webb schwenken jetzt in das Lager, eines liberal socialistischen 
Imperialismus ein. Nicht die Varlamente, nicht die Parteien und die Maioritäten,
	        
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