572 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [(1030
Deutschland zum Verkauf bringe, sie höchstens durchführe und dann erst in Köln aufbinde;
daß aber der Deutsche seine Waren selbst (aber keine unterwegs in Italien gekauften)
nach Venedig bringe, daß er dort im deutschen Kaufhaus am Rialto (Fondaco) unter
strenger Aussicht wohne, nur an Venetianer im Fondaco verkaufe, nur von ihnen einkaufe,
kein Schiff betrete, mit keinem Gast handle, für alle mitgebrachten deutschen Waren wieder
venetianische, kein Geld mitnehme. Eine harte Schranke und doch auch für die Deutschen
von Gewinn; sie wurden damit die schwere italienische Konkurrenz in Deutschland los,
während in Frankreich der Geld- und Großwarenhandel bis ins 16. und 17. Jahr—
hundert in italienischen Händen blieb.
Dalmatien und die Städte der terra ferma, die Venedig unterthan wurden,
durften keinen erheblichen Außenhandel treiben; in Venedig sollten sie ein- und ver—
kaufen; ein Kastell an der Pomündung wachte darüber, daß die venetianischen Land—
städte nicht in die See führen; der enorme Salzhandel Dalmatiens zu Lande wurde
durch hohe Ausfuhrzölle erschwert; das dalmatinische Salz follte von Venedig aus die
jämtlichen Levantehäfen versorgen. Die Industrie wurde hauptsfächlich in Venedig und
den umliegenden Inseln mit allen möglichen staatlichen Mitteln gepflegt; die Glas-,
die Seidenindustrie, die Brokat- und Samtweberei, die Waffen- und Goldschmiedekunst
erreichten damit hohe Blüte. Konkurrierende Waren wurden zur Einfuhr verboten; die
Ausfuhr von gutem Rohstoff (z. B. dem Sande für das Glas) wurde unlersagt, wie
die Auswanderung der Arbeiter.
Es war ein städtischer Merkantilismus mit einer klugen, vorsichtigen Staats—
lenkung der ganzen städtisch-territorialen Wirtschaft, wie nur eine große kaufmännische
Aristokratie ihn so geschickt durchsführen konnte; es war ein Geist des Monopoles und
Handelsneides, wie nur eine Welthandelsstadt mit 200 000 Seelen sie gegenüber anderen
schwächeren Staaten und Ländern und gegenüber dem eigenen, ganz abhängigen Land—
und Inselgebiet ausdenken konnte. Daß die Wurzel der venelianischen Handelsgröße
in seiner Lage, in seinen Bürgern, seiner politischen aristokratisch-centralisierten Ver—
fassung lag, wird kein Kundiger leugnen; aber ebenso wenig, daß nur dieses Monopol—
system den Wohlstand und die Macht zu solch' seltener Höhe führen konnte. Daß
dieses System dann in seiner harten Überspannung auch viel Schaden anrichtete, ist
nicht zweifelhaft, wohl aber, ob ein Umschwung zu anderer, liberalerer Handelspolitik
pfychologisch und politisch möglich und wirtschaftlich segensreich in dem geographisch
so gestalteten Küstenstaat gewesen wäre.
Seinem Umfang nach war Venedig schon ein erheblicher Territorial- und Kolonial—
staat; seine Bevölkerung erreichte im 15. —16. Jahrhundert 1,3—1,6 Mill. Menschen,
sein Gebiet über 100 000 4km, sein jährlicher Handelsumsatz 100 Mill. heutige Mark;
aber seine Handelspolitik blieb eine städtische, so modern, so centralistisch sie war, so
sehr sie die staatliche merkantilistische Politik vorbereitete, die moderne Verwaltung und
Statistik begründete. — Auf die liberalere Handelspolitik Genuas, sowie die der anderen
italienischen Städte einzugehen, verbietet der Raum. Die Handelspolitik Toskanas
(16. Jahrhundert 22149 4km, 0,8 Mill. Seelen), des Kirchenstaates (41828 qkm,
1,8 Mill. Seelen), Mailands (Stadt 135 000, Gebiet 1 Mill. Seelen), Neapels und
anderer ähnlicher Gebiete vom 15. —18. Jahrhundert gehört schon ganz der territorialen
Epoche an. —
b. Die mittelalterliche Stadtwirtschaft haben wir wesentlich im An—
schluß an deutsche Zustände J1 8 105 S. 298—2898 geschildert; wie die Unter—
»rdnung unter die Staatsgewalt und die socialen Kämpfe in den einzelnen Ländern
beschaffen waren, sahen wir oben II 8S 248 S. 516—-518. In Deutschland erreichte
ceine Stadt die Selbständigkeit und Handelsgröße wie Pisa, Genua, Venedig. Aber
eine große Zahl der Reichs- und Landesstädte erblühte doch vom 12. —15. Jahrhundert
so, daß fie eine selbständige Handels- und Wirtschaftspolitik, wenn auch in viel engerem
Rahmen als die italienischen Kommunen, treiben konnten.
Das Hauptziel der städtischen deutschen Handelspolitik im Mittelalter
ist, der beherrichende Mittelpunkt und Markt ihrer agrarischen Umgebung zu werden,