576 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [1034
Schleswigs und Wisbys Handel bekämpft, diese Städte zu Grunde gerichtet; es hatte
m, 12. und 18. Jahrhundert verstanden, es dahin zu bringen, daß alle Ostseewaren
auf seinen Markt kamen, daß alle Weststädte dieselben in Lübeck aus der Hand der
Lübecker kaufen mußten. Bis 1370 hatten auch die Holländer dies gethan; die Fläminge
und Friesen, die nie zum Bunde gehört, hatte man ohnedies nie nach der Ostsee gelaffen.
Als die Holländer von 1370 -1425 in die Ostsee drangen, suchte Lübeck das zu hindern,
verteidigte bis tief ins 16. Jahrhundert den Satz, die Holländer dürften nicht durch
den Sund fahren. Die holländischen Städte mußten also aus dem Bunde scheiden, sie
wurden in Kopenhagen und Stockholm die Todfeinde der Hansen. Auch die preußischen
und livländischen Städte wollte Lübeck an seinen Stapel binden, sie nicht durch den
Sund fahren, keinen direkten Handel nach Westen treiben lassen. Je mehr ihr Handel
iich entwickelte, desto weniger paßten sie in einen von Lübeck in seinem Stadi- und Stapel—
nteresse geleiteten Bund. Auch Kölns Interefsen wurden mehr und mehr denen Luübecks
und des Bundes entgegengesetzt; die kleinen Siädte und die Landstädte mußten ohnedies
vielfach nun andere Wirtschaftspolitik wünschen; sie wurden stets auf den Tagfahrten
shlecht behandelt. Rur eine feste Staatsgewalt mit Zwangsrechten hätte aus diesem
Wirrwarr entgegengefetzter lokaler Wirtschaftsinteressen heraus eine mittlere Diagonale
herstellen und durchfetzen können.
Alles drängte auf eine territoriale und staatliche Handelspolitik vom 15. Jahr—
hundert an hin. Sie allein konnte über die entgegengesetzten Lokal-, Klassen⸗, Pro—
duktions- und Handelsinteressen, über die handelspolitische Interessenanarchie Herr werden.
257. Die Handelspolitik der Territorien und Kleinstaaten vom
18. ÿ14. Jahrhundert an. Die großen, rein agrarischen Reiche des älteren Mittel—
alters hatten sich so ziemlich überall in kleine feudale Herrschaften aufgelöst. Nachdem
die Städte sich umgebildet, ein Teil des hohen Adels aus Beamten zu Fürsten geworden,
ein Teil der Könige wenigstens in engerem Gebiet wieder zu festerer Gewalt gekommen
war, entstanden vom 18.-17. Jahrhundert in den meisten europäischen Ländern
Territorialgebilde und Kleinstaaten von einer halben bis 1,2 und 8 Millionen Seelen,
von 20000 bis über 150 000 qkm, die mit einem Streben nach politischer Einheit
nun notwendig auch das nach einheitlicher wirtschaftlicher und Handelspolitik verbanden.
Die Verwaltung Siziliens unter Friedrich II., dann die italienischen Tyrannenstaaten
des 14—6. Jahrhunderts, die Herrschaft Karls IV. in Böhmen, das bis Flandern
iich ausbreitende burgundische Herzogtum, das französische Königtum in den Central—
landschaften Frankreichs vom 12. -515. Jahrhundert, die englische, hauptsächlich die
Mittel-, Süd- und Westgrafschaften centralisterende Normannenkönigsherrschaft, der
deutsche Ordensstaat und die schon vom 13.—-18. Jahrhundert entstehenden, vom
16.-19. Jahrhundert sich konsolidierenden größeren deutschen Territorialstaaten — das
iind die politisch-wirtschaftlichen Gebilde, die wir im Auge haben. Es kann nicht davon
die Rede sein, sie alle in ihrer Handelspolitik nacheinander vorzuführen; aber auch von
ihrem Durchschnitt läßt sich kein klares Bild geben. So seien hier nur zwei Typen
herausgegriffen: die deutschen Territorien und das England bis zum Tode Elisabeths.
a. Deutschland war von 1400 -1550 trotz seiner politischen Zerrissenheit dank
seiner damaligen günstigen Handelslage zwischen Oft und West, dank der Ausbildung
einer stadtwirtschaftlichen Institution ein reiches, im Südwesten ein dichtbevölkertes
Land geworden; Technik, Kunst, Lebensgenüsse, Silberproduktion, allerlei Gewerbe
hatten große Fortschritte gemacht, der Zinsfuß war von 8—10 auf 4-800 gefunken;
Augsburg war neben Antwerpen der Mittelpunkt des europäischen Geld- und Kredit—
handels gegen 1500 geworden. Aber die bestehende wirtschastspolitische Verfassung des
Reiches hatte sich seit 1800 überlebt: die Städte und Stadtbezirke waren zu klein, ihre
dandelspolitik nicht mehr im Einklang mit dem neuen gewachsenen Verkehr und feinen
Formen. Die Selbständigkeit der Reichsstädte hinderte jede große wirtschaftlich-einheitliche
Politik, wie z. B. den Versuch einer Reichsaußenzollinie und eines einheitlichen Zoli—
ystems (15281523). Die Städte haderten untereinander, alle Slädte mit dem platten
Lande. Die socialen Gegensähe nahmen zu; die Geldwertsrevolution steigerte alle