582 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen [(1040
um die wertvollsten Produkte handelte, um Silber, Gewürze, Zucker, da mußten solche
Versuche gemacht werden, um die europäische Herrschaft mit Gewinn auszudehnen. Die
neue Kolonialpolitik enthielt die zwei großen, gleich schwierigen Probleme, 1. der Be—
herrschung und wirtschaftlichen Nutzung der Kolonien und 2. der Ordnung des Handels
nach Europa, wobei der erobernde Staat die Vorhand, ja das ausschließliche Monopol
behalten wollte. Die Kolonialpolitik wurde für alle oceanischen Staaten Europas ein
Hauptteil ihrer national-staatlichen Wirtschafts-, ihrer Handelspolitik. Der Kampf der
Staaten untereinander um diese Kolonien wurde 1550 — 1815 ein Hauptelement der
nternationalen Macht- und Wirtschaftskonkurrenz. Um hier nicht verdrängt zu werden,
mußte man über Macht, über staatliche Flotten, über eine große kaufmännische Marine,
über Admiralitätskollegien, die den Seehandel lenkten, über große nationale, staatlich
anterstützte Handels- und Schiffahrtscompagnien verfügen. Diese Kolonialrivalitäten,
wie die wirtschaftlichen und Machtkämpfe im alten Europa erzeugten vom 16. Jahr—
hundert an ein Zeitalter von ewigen Kriegen mit wirtschaftlichen und handelspolitischen
Ursachen und Zwecken, sie lösten das Zeitalter der Religionskriege ab. Schon die Kriege
von 1579 —1648 (der niederländisch-spanische, der 80jährige Krieg, die schwedisch—
polnischen Kriege) sind halb religiösen, halb handelspolitischen Ursprungs. Und es
war natürlich, daß die kämpfenden Mächte, wenn sie zeitweise wieder Kanonen und
Flotten ruhen ließen, wenigstens mit Schiffahrtsgesetzen, Aus- und Einfuhrverboten,
Schutzzöllen, Exportprämien einander weiter bekämpften.
Nur mit diesen wenigen Worten sollte der historische Hintergrund geschildert
werden, auf dem sich das merkantilistische Zeitalter und die moderne europäische
Staatenbildung erhebt. Wir hatten diese Erscheinungen schon einleitend bei der
Litteratur (18 89) und bei der Darstellung der Entstehung der Volks- und Staats—
wirtschaft (18 106) zu besprechen. Hier handelt es sich speciell um die Handelspolitik
der großen Staaten vom 16. bis ins 19. Jahrhundert. Dabei ist die Vorführung der
wichtigsten Beispiele nötig, um ein allgemeines Urteil zu begründen. Wir sagen nur
wenige Worte über Portugal und Spanien, um dann uns auf die Vereinigten Nieder—
lande und Frankreich, auf Großbritannien und Preußen zu beschränken. Auf Osterreich,
Sch weden, Dänemark und andere kleine Staaten einzugehen, müssen wir uns versagen.
a) Portugal hatte durch seine Seefahrten und Entdeckungen im 15. Jahrhundert
das große Ziel erreicht, sich den Seeweg zu den Gewürzen und Kostbarkeiten Asiens zu
bahnen; es hatte dort 1321-1557 eine harte drückende Handelsherrschaft errichtet, die
fich mit brutaler Katholisierung, Vernichtung des arabischen Handels verband, un—
geheure Handelsgewinne lieferte. Portugal war 1580 an Spanien gefallen, wodurch das
Monopol Lissabons noch drückender wurde. Die Holländer fuhren nun direkt nach
Indien und den Molukken; die portugiesische Handelsgröße zerfiel so rasch, wie sie
gewachsen war.
b) Spanien war unter Karl V. der größte, mächtigste und reichste Staat
Europas geworden: die österreichischen Erblande, Burgund und die Niederlande, ganz
Amerika gehorchten neben Spanien seinem Scepter. Auch als Hsterreich an seinen
Bruder, das übrige Reich an seinen Sohn fielen, blieb Spanien bis auf die Tage
Ludwigs XIV. die erste Macht Europas, die belgischen Niederlande, große Teile Italiens
gehörten dazu; bis 1789 war es eine große Macht; erst in unferen Tagen verlor es
den Rest seiner einst so ergiebigen Kolonien. Und doch war es stets ein Koloß auf
thönernen Füßen gewesen; Karl V. kam nie aus der Schuldknechtschaft der Fugger und
anderer Großkapitalisten heraus; Spanien war keine voll moderne, einheitliche Monarchie,
war über Provinzen, Stände und Städte nicht recht Herr geworden; es hatte sich seiner
fähigsten Bürger beraubt, erst die Mauren und Juden vertrieben, dann den Pro—
testantismus erwürgt, sich durch den 70 jährigen Kampf mit Holland erschöpft. Es
hatte im 16. Jahrhundert wohl eine schöne Industrie und einen erheblichen Handel,
eine große Schiffahrt, aber nicht die Fähigkeit, fie zur vollen Entfaltung zu bringen;
deutsche und französische Händler und Kapitalisten schöpften den Rahm ab; von 18550
an ging es weiter zurück. Es war eine Nation von Edelleuten, Kriegern, Abenteurern,