44 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Ginkommensberteilung. [5302
liche Bewegung und Reibung, an die wir heute vor allem denken, wenn wir von der
wirtschaftlichen Konkurrenz reden.
Wir sehen alle am wirtschastlichen Verkehr Beteiligten in gewisse größere und
kleinere Gruppen zerfallen: Käufser und Verkäufer, Konsumenten und Ladeninhaber,
Groß- und Kleinhändler, Unternehmer und Arbeiter zeigen sich uns als Gesamtgruppen
und in sich gegliedert nach bestimmten Berufszweigen; in jeder Gruppe lonkurrieren
die direkt nach dem gleichen wirtschaftlichen Zwecke Strebenden unter sich: die Unter—
nehmer der Baumwollindustrie unter sich und dann bis auf einen gewissen Grad mit
den Unternehmern anderer Gewerbszweige, sofern sie und die anderen Wasserkräfte,
Maschinen, Techniker, Arbeiter suchen. Jede Gruppe steht nun aber auch noch mit
einer oder mehreren anderen Gruppen in einem Konkurrenzverhältnis: die Konsumenten
mit den Verkäufern auf dem Wochenmarkt und in den Läden; die Unternehmer mit den
Arbeitern einerseits, den Großhändlern und Exporteuren, welche ihnen ihre Ware ab—
nehmen, andererseits; die Arbeiter stehen den Fabrikanten und dann den Wohnungs⸗
vermietern und Kleinhändlern als Gruppen von Konkurrenten gegenüber. Es handelt
fich bei dieser Gruppenkonkurrenz um die Verteilung gewisser Gewinne und Vorteile,
welche die aufeinander im Geschäftsleben angewiesenen Gruppen im ganzen machen, auf
die verschiedenen Teilgruppen.
Die unendliche Zahl von täglich und stündlich zustande kommenden Verträgen,
durch welche der größere Teil des heutigen volkswirtschaftlichen Prozesses der Produktion
und des Handels unterhalten wird, steht so unter dem steten Doppeldruck einmal der
Konkurrenten jeder Gruppe unter sich und dann des gesellschaftlichen und psychologischen
Einflufses, den das Aufeinanderwirken der im ganzen miteinander verkehrenden Gruppen
ausübt. Die Voraussetzung des Druckes ist, daß die Waren oder Arbeit Verkaufenden
und Kaufenden in Berührung kommen, von einander wissen, immer wieder durch ein
Ausleseverfahren zu Geschäftsabschlüssen kommen. Da jeder Abschluß auf dem Markt
stattfindet zu dem bestimmten Wert oder Preise, der augenblicklich zu allgemeiner An—
erkennung gekommen ist, so folgt, daß zu jeder Zeit nur die auf dem Markt verkaufen
und kaufen können, die sich dem Marktpreis unterwerfen. Zur selben Zeit kann auf
demselben Markt für dieselbe Ware und Arbeit im großen und ganzen nur ein ein—
heitlicher Preis herrschen; das ist die Folge des gesellschaftlichen Marktbewußtseins:
jeder Käufer will nicht mehr zahlen als der andere; jeder Verkäufer so viel erhalten
wie sein Konkurrent. Die Folge ist, daß jeder Verkäufer, der glaubt, so nicht verkaufen
zu koͤnnen, vom Geschäst ausgeschlossen wird; jeder Käufer, der nicht so viel zahlen
kann oder will, ohne Ware nach Hause gehen muß.
Damit ist zugleich bewiesen, daß es sich bei der wirtschaftlichen Konkurrenz auf
dem Markte stets um ein Ausleseverfahren, um eine Art des Daseinskampfes handelt.
Er kann zeitweise ohne Härten auftreten, wenn Angebot und Nachfrage gleich groß
sind, längere Zeit stabil bleiben, zu einem unveränderten Preise Ausgleich finden. Aber
so oft ein Wechsel auf der einen oder anderen Seite eintritt, ist ein Überschuß des
Angebots oder der Nachfrage vorhanden, eine Wertänderung wird wahrscheinlich, ein
Teil des Angebots oder der Nachfrage bleibt ausgeschlossen oder muß sich zu einem
unliebsamen Preise entschließen. Die ausgeschlossenen Verkäufer können versuchen, sich
so anzustrengen, ihre Produktion so zu verbessern, daß sie noch Absatz finden; fie können
auch versuchen, andere Märkte oder Käufer zu finden, die geringere Waren noch nehmen;
sie gehen aber auch leicht zu Grunde. Die Lohnarbeiter, die von anderen unterboten
werden, müssen mit dem kaͤrglicheren Lohn zufrieden sein oder hungern. Die, welche
kaufen wollten und zu dem leuren Preife nicht kaufen können, versuchen vielleicht mehr
zu verdienen, oder sie begnügen sich mit schlechterer Ware; dann beginnt aber mit der
herabgesetzten Lebenshaltung schon ihre Verkümmerung. So sind immer zeitweife
Unternehmer, Händler, Handwerker, Arbeiter durch die Wucht der Konkurrenz bedroht,
ja unter Umständen der Verelendung und dem Untergang verfallen.
Stellen wir uns diese Vorgänge klar und lebendig vor, so haben wir damit auch
die einfache Erklärung, warum die Konkurrenz in der älteren Litieratur von den einen