590 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. (1048
schwert; für die Produktion und Einfuhr anderer Produkte aus den Kolonien nach dem
Mutterland zahlt man Prämien.
Es war ein mit sehr harten Mitteln arbeitendes System, zum Zwecke, die kon—
kurrierenden Handelsmarinen zu schädigen, die englische rasch zu heben, aus England den
bestversorgten Zwischenhandelsmarkt zu machen, die Kolonien ganz zu dienenden Gliedern
der mutterländischen Volkswirtschaft, zu guten Absatzmärkten für die englische Industrie
zu machen. Das System verteuerte den rasch forcierten Schiffsbau, die Frachten, die
Matrosenlöhne, die europäischen Waren für die Kolonien, die Kolonialprodukte, die
über England nach andern Staaten gingen; es schädigte den bestehenden englischen
Handel nach Norwegen, Rußland, Grönland; es erzeugte verschiedene Retorsionsgesetze
(Frankreich 1659, Schweden 1670) und eine Reihe von Kriegen. Es war von Anfang
an nur ausführbar durch zahlreiche Ausnahmen, die man bald für immer, bald für
Zeit einführte. Die nicht enumerated articles (Getreide u. s. w.) durften die englisch—
amerikanischen Kolonien bis 1760 führen, wohin sie wollten; ein virginisches Statut
von 1660 ließ fremde Kaufleute zu; im Wallfischfang ließ man bald als englische
Schiffe solche mit */8 englischer Matrosen gelten; an der nordamerikanischen Kuͤste
bestand bis 17683 eigentlich keine Zollkontrolle; man duldete hier, wie zu Hause, einen
großen, die Härten korrigierenden Schmuggel; die holländischen Schiffe ließ man seit
1667 neben den holländischen deutsche Waren einführen. Erst von 1748, noch mehr
pon 1763 an überspannte man das System, suchte es in seiner ganzen Strenge durch—
zuführen, verbot man brutal alle Industrie in den Neuenglandstaaten; man ruinierte
damit Jamaica. Die Folge war der schon 1750 von Turgot prophezeite Unabhängig—
keitskampf der Vereinigten Staaten. Nach 1789 wuchsen die zugelassenen Ausnahmen
des Systems noch mehr als von 1661 -1750.
Und trotz aller dieser großen Schattenseiten hat der Freihändler A. Smith recht,
daß die Navigationsakte von der fürsorglichsten Weisheit englischer Staatsmänuer ge⸗
schaffen sei. Die Seemacht, die Handelsmarine und der Kolonialbefitz Englands wären
ohne sie nicht entstanden, jedenfalls nicht so glänzend gewachsen, England hätte ohne
fie Holland und Frankreich nicht so rasch und sicher an Macht und Reichtum überholt.
Freilich eine Reihe von Umständen begünstigten das Überwiegen der guten Folgen.
England war ohnedies durch Lage, Volkscharakter, geschichtliche Umstände don 1480 an
auf die maritime Bahn gewiesen; eine großartige englische Piraterie hatte seit 1600
iich in Westindien festgesetzt, Spanien zu bekämpfen, Schmuggel nach den spanischen
Kolonien zu treiben. Die Niederhaltung der spanischen Macht erschien seit Elisabeth
die Lebensbedingung für England, und Cromwell erreichte das Ziel zugleich mit der
Eroberung der bald wertvollsten Kolonie, der bisher spanischen westindischen Insel
Jamaica. Aber nicht bloß das katholische Spanien, auch das protestantische Holand
erschien als das Hindernis der englischen Seehandelsblüte. Der englisch-hollaͤndische
Handel beschäftigte unter Jakob J. 560 englische, 500 holländische Schiffe. Cromwell
wagte den Schlag gegen Holland mit der Navigationsakte, weil er sich mit seinen
besseren neuen Schiffen, mit seinen bronzenen Kanonen stark genug fühlte, den Krieg
von 1651-16585 folgen zu lassen, in dem er den Holländern 1600 Schiffe wegnahm.
Und schon 1668 —1664 wuchs die nationale, auf Handelsneid ruhende Leidenschaft
gegen Holland in England so, daß der erneute Krieg mit einer Piratenerstürmung
RNew-Amsterdams (Newyorks) durch englische Flibustier begann und zur Erorberung
der wichtigen, die brittischen Neuenglandstaaten verbindenden Kolonien Neuyork und
Neujersey sowie Neubelgiens und asrikanischer Plätze führte. Nochmal 1672 -1674
chlug England gemeinsam mit Frankreich gegen Holland los. Und als dann die
Niederlande schon halb gebrochen, von der franzoͤsisch-spanischen Gefahr bedroht, nachdem
hr Statthalter, Wilhelm von Oranien, König von England geworden war, unter
englischer Führung die großen Kriege 1660—1713 mitmachten, da verstand es die kluge
englische Politik, die niederländischen Geld- und Flottenkräfte wohl zu nutzen, aber den
Siegespreis ganz allein für sich zu behalten. Ludwig XIV. hatte 1700 geplant, Spanien
zu erwerben, die Engländer und Holländer ganz von Südamerika und Westindien aus—