1049) Die Navigationsakte und die Kriege Englands. 591
zuschließen, er verschloß beim Kriegsausbruch den Schiffen beider Nationen die spanischen
Zäfen. Da verabredeten England und Holland, Westindien für sich zu erobern, Spanien
nicht in französische Hände fallen zu lassen. Dieses Ziel wurde nicht erreicht, ein
Bourbon bestieg den spanischen Thron, aber die Engländer setzten durch, daß der 1701
von Spanien Frankreich eingeräumte ungeheuer luükrative Assientovertrag, d. h. das
Recht, Neger in Afrika zu fangen und nach Westindien zu verkaufen, auf sie übertragen,
und daß ihnen große Handelsvorteile in Spanien eingeräumt wurden, während sie zu
zleicher Zeit einen heimlichen Vertrag mit Spanien abschloßen, den Niederlanden dieselben
Vorteile nicht einzuräumen. Auch der während des Krieges von England mit Portugal
abgeschlofsene Handelsvertrag (1703), der die portugiesischen Schutzzölle gegen englische
Weinzollvergünstigungen aufhob und die portugiesische Industrie zum Vorteil Englands
vernichtete, kam nur England, nicht seinem Verbündeten, Holland, zu gute; England
ließ fich ausdrücklich gegen die Niederlande gerichtete Begünstigungen versprechen.
So ist von 165141718 und ähnlich von da bis 1818 die englische Schiffahrts—
gesetzgebung und Kolonialpolitik nur zu verstehen als ein Teil der Eroberungs- und
riegerischen Kampfpolitik, welche die Konkurrenten niederschlagen wollte. Eine solche
war nur möglich mit einer großen Kriegs- und einer noch größern Handelsflotte. Den
sogenannten Schmugglerkrieg von 1739 — 1748 mit Frankreich und Spanien, der wegen des
Versuchs entstand, den englischen Schmuggel in Westindien einzuschränken, hat Walpole
hindern wollen; der Krieg wurde durch die Kaufleute, die öffentliche Meinung, die
Dichter, wie Johnson, erzwungen; er brachte England für 40 Mill. Mk. franzöfische
und spanische Prisen; sogar an neutralen holländischen Schiffen nahmen die Engländer
für 18 Mill. fl. weg. Der 7 jährige Krieg brachte England wieder ähnliche Kapergewinne,
ind, da Frankreich durch Preußen lahm gelegt war, den Erwerb der französischen Kolonien
Tanada, Neuschottland, das Ohio- und Mississippigebiet und die Zurückdrängung Frank—
reichs in Ostindien. Der Unabhängigkeitskrieg der Vereinigten Staaten war die Folge
des überspannten Kolonialsystems; England ging finanziell gelähmt aus ihm hervor;
aber auch Frankreich verblutete sich fast daran. Der jüngere Pitt wußte bald die Finanzen
wieder zu ordnen, und England behielt doch den Haupthandel nach den Vereinigten Staaten.
Die Revolutionskriege 1793 — 1813 gaben England vollends Gelegenheit, die holländischen
und französischen Kolonien zu besetzen und einen erheblichen Teil, wie Kapland zu be—
halten, sowie die Kriegs- und Handelsflotten aller andern Nationen zu zerstören.
Büsch sagt 1790: in den letzten 144 Jahren hat England 66 in blutigen Kriegen
zugebracht, um allen fremden Handel zu vernichten; Seely rechnet, von 1688—–1815
habe England allein mit Frankreich 64 Kriegsjahre gehabt. Kant sagt: England ist
der gewaltsamste, herrschfüchtigste, krieggerregendste Staat. Die meisten seiner heute so
wertvollen Kolonien hat es andern europäischen Staaten mit Gewalt abgenommen.
Ein erheblicher Teil seines im 18. Jahrhundert erworbenen Reichtums stammt aus
seinem blutigen Negerhandel, aus der barbarischen Unterwerfung Indiens, aus den
Sklavenplantagen in Westindien (Jamaica) und dem Kapersystem. Das Privateigentum
der Feinde zur See nicht zu achten, war allgemein Sitte; keine Nation aber hat
während ihrer Kriege so sehr private Seeräuber (Kaper) mit der staatlichen Erlaubnis
ausgestattet, befreundete und neutrale Handelsschiffe (unter dem Angeben, sie führten
Zriegsmaterial) aufzubringen. Hunderte und Tausende von Schiffen fielen so in englische
hände; Macpherson verzeichnet den Wert von vielen einzelnen zu 16 000 -300 000 9.
Daher waren die Kriegszeiten (1680—-1718, 1756-1768, 17938-1815) zugleich die
Epochen der stärksten Reichtumssteigerung, wie sie die der stärksten Zunahme der Marine
und des Handels waren. Die Partei der Whigs, welche die städtischen Geldmänner,
Fabrikanten, Reeder u. s. w. einschloß, ist die Partei, die immer für die Kriege war,
weil sie dabei große Reichtümer sammelte; wir werden sehen, daß sie auch die fanatischen
Schutzzöllner und Sperrpolitiker waren, während die konfervativen Tories Handels—
vertraͤge und freien Verkehr verteidigten. Die staatliche Flotte zählte 1547 12455,
1608 17 110, 1660 57 463, 1702 159017, 1760 321 104 Tonnen, die englische Handels—
marine verdovpelte sich 1661 -1670, 1704 zählte sie 261222 Tonnen (8281 Schiffe),