594 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. (1052
Zersplitterung und die großen Kriege, hauptsächlich den 80 jährigen, zurück. Die Be—
völkerung war 1650 in vielen Teilen auf die Hälfte oder noch weniger reduziert. Der
Viehstand, die Wollproduktion war vollends durch den großen Krieg ruiniert; vieler
Orts nur noch Schubtarrenverkehr, Spaten- statt Pflugkultur, das ländliche Schul—
wesen fast verschwunden, das Kapital vernichtet, der Zinsfuß 10—80/0, während er
in Holland auf 3—560/0 stand. Viele Tausende von Privaten, die meisten Kleinstaaten
und Gemeinden waren bankerott, erbettelten und erhielten lange Moratorien. Hundert—
thausende von Häusern in Stadt und Land waren niedergebrannt, die Bodenpreise auf
/4 gesunken. Brauerei, Weinbau, Papiermacherei und Buchdruck, Woll- und Leinen—
gewerbe waren teils verschwunden, teils reduziert. Taufsende vagabundierten; die Genuß—
sucht hatte zu-, die Arbeitsamkeit abgenommen. In weitesten Kreisen galten Servilität,
List, Betrug und Gewalt als die besten Mittel wirtschaftlichen Fortkommens; aber die
schlichte Frömmigkeit und die mehr spießbürgerlichen privaten Tugenden hatten sich doch
in der Masse des Volkes, im Beamtentum, in den bessern Fürstenhäufern erhalten.
Das Wesentliche in wirtschaftlicher Beziehung war das breite Zurücksinken auf den
Standpunkt der Naturalwirtschaft. Es wurde befördert durch die politische Thatsache,
daß Deutschland in einige Hundert jetzt vollends ganz selbständiger Kleinstaaten zerfiel;
die kleinsten waren Dörfer und Rittergüter, Kleinstädte und Abteien; auch die Graf—
schaften und Fürstentümer waren meist nur 300 -8000 qkm groß; nur 10- 18 größere
Territorien bestanden, die, wie wir oben schon sahen, die Träger des wirtschaftlichen
Fortichritts in Deutschland wurden; doch waren auch von ihnen mehrere nicht gehörig
geographisch abgerundet, lagen zerstreut im Gemenge mit anderen Gebieten, waren auch
im 80 jährigen Kriege zurückgegangen. Und fast noch mehr als im 16. Jahrhundert
hdielt man im Elend von 1680—1700 an den alten Stapelrechten, Lokalzöllen, länd⸗
lichen Feudaleinrichtungen fest, war es schwer, zu Wirtschaftsreformen zu gelangen.
Gegen die neuen, besser eingerichteten Nachbarstaaten stand Deutschland nach allen
Seiten offen; sie drangen Land abreißend, Kredit gebend, wirtschaftliche Abhängigkeit
exzeugend von überall her vor; Holland beherrschte den Niederrhein, Frankreich den
Oberrhein; seine Waren und seine Mode fingen 1660—1700 an, Deutschland zu über—
ichwemmen; mit Subsidien und Pensionen erkaufte es alle Höfe (mit 300 Mill. Fr.
von Richelieu bis Ludwig XIV., mit 187 Mill. 1750- 1772). Schweden hatte die
Weser- und Odermündung, die meisten Ostseezölle in der Hand, hatte 1600 1768
aus der Ostsee fast ein schwedisches Binnenwasser gemacht; Dänemark drohte Hamburg
zu annektieren und nahm den Hansen ein gut Teil ihrer Handlung; Polen bestand
noch in alter Größe; seine Rohproduktenaussuhr, seine Kolonialwaren-⸗, Wein-, Salz-,
Manufakteneinfuhr war die Hauptstütze des ost- und norddeutschen Handels; die Weichsel
mit Danzig war ein polnischer Strom geworden; Ostpreußen war ein polnisches Lehen. —
Wir können hier nur das Emporkommen Preußens als merkantilistisches Gegenstück
zur mittelalterlichen Kleinstaaterei des übrigen Deutschlands betrachten.
Die Kur- und Neumark Brandenburg (86 680 qkm) hatte durch die Er—
werbung (1609) Cleve-Mark-Ravensbergssam Niederrhein (6449 qkm) und durch
die Ostpreußens (1618, 86 098 qkm) eine große politische Bedeutung, durch die Erwerbung
ßinterpommerns, Magdeburgs, Halberstadts und Mundens (1648 bis
1680) einen sesten wirtschaftlichen zusammenhängenden Kern selbständiger Staatsexistenz
Jewonnen (1688 1089 730, die inneren zusammenhängenden Lande 70 800 qkw). Unter
Friedrich dem Großen erreichte der Staat 185 650 qkm mit 51,2 Mill. Seelen. Er
blieb bis 1806 ein zusammengesetzter Territorialstaat, dessen Außenteile jahrzehntelang
mehr nach dem nichtpreußischen Ausland, nach den bisherigen Handelsverbindungen
hin gravitierten; jedes der vande behielt bis 1806 einen Teil seiner Wirtschafts-, Zoll⸗,
Steuer- und politischen Verfafsung; nur die mittleren Gebiete suchte eine energische
Wirtschaftspolitik 1660— 1740 mehr und mehr zu einem einheitlichen Gewerbe⸗ und
Handelssystem zu vereinigen, dem Schlesien nicht 1740 aber von 1758 -1765 auch
überwiegend angegliedert wurde. Die Grenzen blieben unregelmäßig, die Beherrschung
der Ströme und Handelswege war bedeutsanm. abher blieb dach im anzen ungenügend.