1053) Deutschlands und Preußens Lage im 17. und 18. Jahrhundert. 595
Nirgends natürliche Grenzen; der Staat war wie durch Zufall aus dem übrigen
Deutschland herausgeschnitten. Doppelt schwierig war seine Handelspolitik; seine wirt⸗
schaftlichen Hauptgegner und Konkurrenten blieben fast mehr deutsche Nachbarn als
fremde Mächte: so bis 1740 Schlesien mit seinem großen, polnisch-rufsischen, Brandenburg
und die Meßstadt Frankfurt schädigenden Handel; das reichere Sachsen mit seiner Leipziger
Meßhandelspolitik; das bis 1720 schwedische Vorpommern mit Stettin, das in schwedischen
Händen den großen Kurfürsten hinderte, seine Seemachtsplüne auszuführen und den
Oderhandel zu heben; die Seestädte Hamburg und Danzig, welche Brandenburg von
1500 -1700 in immer größere Abhängigkeit brachten; Osterreich, das den Verlust
Schlesiens nicht verschmerzen konnte, zuletzt wie Sachsen in dauernden Zollkrieg mit
Preußen kam.
Der große Kurfürst gebot in seinem Kernlande über ganz verarmte gedrückte
Bauernschaften, einen unbotmäßigen nach polnischem Aristokratenregiment schielenden
Kleinadel und verkümmerte Landstädte, und doch gelang ihm, gestützt auf Heer und
Beamtentum und auf die Mittel seiner reicheren westlichen Lande, eine kühne monarchisch-
politische Reform und damit auch der erste Anlauf einer freilich oft versagenden staatlich—
merkantilistischen Politik. Seine Nachfolger, vor allem Friedrich Wilhelm J. (1718 bis
1740) und Friedrich der Große (1740 — 1786) vollendeten mit wesentlich auf ein Schutz⸗
ystem eingeschränkter Tendenz seine Ziele. Drei Hauptzwecke hat dabei die preußische
Handelspolitik 1640—1806 verfolgt, 1. die Herstellung einer inneren wirtschaftlichen
Einheit, 2. den Versuch, Preußen zwischen West- und Osteuropa doch eine gewisse maß—
zebende Handelsstellung zu verschaffen, 3. die eigene Industrie und die eigene Land—
wirtschaft zu schützen und emporzuheben. Betrachten wir sie nacheinander.
a. War die innere Wirtschaftspolitik zunächst in jedem Territorium darauf ge—
richtet, den Verkehr zwischen den Städten und Gutsherrschaften gerecht zu ordnen, beide
unter die Landeshoheit und das Landesinteresse zu beugen, die hinderlichen Stadt-,
Markt⸗, Stapel⸗, Abzugsrechte, die Auswüchse des lokalen Zunfte und Fremdenrechtes
zu beseitigen, das bestehende örtliche Zoll- und Steuerwesen in ein landesherrliches um—
jubilden, so trat von 1660 an dazu das Bemühen, die Territorien sich wirtschafitlich zu
nähern, z. B. zuerst Hinterpommern und die Neumark zu verbinden. Als Stettin
1720 preußisch geworden war, suchte man die Kaufmannschaften von Stettin, Berlin,
Magdeburg, nach 1740 auch die von Breslau zu einer gemeinsamen Ordnung des
Oderhandels und des Handels über Stettin hinaus bis nach England, Frankreich,
Spanien zu bringen. So schwer es Stettin geworden war, aus einer schwedischen Stadt
nit schwedischen Handelsinteressen eine preußische zu werden, noch schwieriger wurde es
dem Herzogtum Magdeburg, seine engere Verbindung mit Sachsen und Hamburg auf—
zugeben; erst nach langen Schwankungen und Kämpfen kam es dazu, das Magdeburgisch⸗
Halberstädtische überschüssige Getreide statt nach Hamburg nach Berlin, das Magdeburgische
Salz, statt nach Sachsen und Thüringen zu führen, zur Versorgung des ganzen preußifchen
Staates zu verwenden und so von Halle aus einen großen Verkehr bis Stettin, Königs—
berg, Breslau zu organisieren; nur schwer ertrug es Magdeburg, seine Wollüberschüsse
und Hammel statt nach Braunschweig und Sachsen nach Brandenburg abzugeben.
Straßen, Zolle, Stapelrechte, Schiffahrtsordnung und Postorganisation mußten dazu
gänzlich geaͤndert, neuorganisiert werden. Die preußische Staatspost, von 1660 - 1670
hegründet, 1690 aus Reit- in Fahrkurse umgewandelt, war bald eine der besten und
bisligsten, der centralistertesten, auch auf viele Nachbarlande sich ausdehnenden, von Memel
dis Holland reichenden Postanstalten in Deutschland. Der Müllroser Kanal, 1662 - 1668
erbaut, sollte die Oder mit der Havel und Elbe verbinden, da der untere Oderhandel
eit det Sperre von 1562 und 1572 verfallen und Stettin bis 1720 in schwedischen
Händen war; er machte aus Berlin einen erheblichen Umschlagsplatz, wurde von Kur—
sachsen als Unrecht gegenüber den bestehenden Stapel- und Straßenrechten betrachtet
und bekämpft. Ebenso der Bau der Saalschleusen (169441697), den Sachsen fast
hundert Jahre lang gehindert hatte, der erst den Wasserverkehr für Salz, Holz, Kohle
don Halle abwärts und ostwärts erlaubte. Dazu kam zu gleichem Zweck der Plauensche
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