10551 Preußens Centralisierung, Export- und Durchfuhrhandel. 597
Vor allem aber hatte die Erwerbung Westpreußens, der sich der Erwerb Danzigs an—
schließen follte, und der Polen (19. März 1775) octroyierte Handelsvertrag den Zweck,
durch das preußische Gebiet allen polnischen Handel zum Meere hin zu beherrschen. Alle
polnisch-preußische Ein⸗ und Ausfuhr, welche die Waren in preußische Hände brachte,
ahlte 20/0, die bloße Durchfuhr durch Preußen erst 8280, später 12,8, teilweise noch
twas weniger Prozente. Polnisches Getreide ließ man vielfach gar nicht herein. So—
lange Polen als selbständiger, von den Großmächten abhängiger Staat bestand, war es
so ein für Preußens Handel und Industrie wichtiger, ausgebeuteter Markt.
Reben dem preußischen Absaß nach dem Oflen war übrigens auch der nach dem
Westen nicht unwichtig: Holz, Getreide, Leinwand ging in großen Mengen nach England
und über England nach Spanien und den Kolonien. Immer aber ist der ganze Versuch,
Preußens auswärtigen Handel zu stärken, auf zu große Schwierigkeiten, auf die
natürliche Handelseifersucht der Westmächte gestoßen; er wäre vielleicht besser geglückt,
wenn der Große Kurfürst 1648 oder 1679 ganz Vorpommern und Stettin erworben
hätte; da der Staat durch Magdeburg, Halberstadt und Schlesien sich ganz nach dem
neren Deutschland ausdehnte, mußte es statt einer See- und Handels- eine agrarisch—
gewerbliche Landmacht werden, und Friedrich der Große hat daher mit Recht die Pläne
des großen französischen Admirals De la Bourdonnaie, der in seiner Heimat mißhandelt,
eine preußische Flotte schaffen wollte, zurückgewiesen. Im 18. Jahrhundert fand übrigens
auch der preußische Industrieerport in Mitteleuropa wachsende Schwierigkeit durch die
zuͤnehmenden gewerblichen Schutzzölle in Osterreich, Sachsen, Dänemark, Schweden und
Lüneburg-⸗Hannover.
c.“ Hie Pflege der eigenen Gewerbe, der eigenen Landwirtschaft, die Ausfüllung
der Bevölkerungslücken, die Tendenz auf innere Arbeitsteilung und auf inneren Verkehr
nußte so mehr und mehr von 16801806 der Mittelpunkt der preußischen Handels—
politik werden. Der eigene Markt mußte der inländischen Produktion und den in—
sändischen Händlern möglichst ausschließlich verschafft werden. Hier konnte man der
überlegenen auswärtigen Konkurrenz (auch bei geringerer politischer Macht, als die kon—
kurrierenden Staaten sie besaßen) die Stirne bieten.
Die hierher gehörigen handelspolitischen Maßregeln würden in ihrer Entstehung
und in ihrem Wirken viel deutlicher werden, wenn wir hier auch schildern könnten,
welche Refte älterer Gewerbe vorhanden waren, wie eine zahlreiche verarmte Bevölkerung
nach Arbeit und Brot verlangte, wie auf ganz Deutschland von 1660-1750 in
steigendem Maße der schwere Druck der übermächtigen westeuropäischen Konkurrenz
lastete, wie Preußen durch eine planvolle Hereinziehung auswärtiger höher stehender
wirtschaftlicher Elemente, hauptsächlich der französischen, der pfälzer u. s. w. Kolonisten
ins Land sich die Möglichkeit großer technischer und organisatorischer Fortschritte schuf,
wie der Staat im Inuneren durch Regulierung der Hausindustrie, durch Gründung und
Unterstützung größerer Privat- und Aktienbetriebe, durch staatliche Musterbetriebe aller
Art, durch Errichtung von staatlichen Woll- und Seidenmagazinen, durch einen gewissen
Zwang für Kaufleute und Konsumenten zum Waxeneinkauf die Industrie förderte. Aber
wir mussen uns versagen, darauf einzugehen, so sehr gerade die richtige Ineinanderpafsung
dieser und der eigentlich handelspolitischen Maßregeln den Erfolg garantierte.
Die handelspolitische Hauptstreitfrage in den ostdeutschen Territorien von 1600
bis 1700, die auf den Landtagen zwischen Ritterschaft und Städten aufs heftigste er—
zrtert wurde, war: soll die Regierung im Interesse der Getreide, Wolle, Vieh,
Holz u. s. w. exportierenden Ritterschaft die fremden holländischen, englischen und sonstigen
Händler und Faktore, die sog. Lieger, auch andere fremde Hausierer, die die Waren
der höheren Kultur billiger liefern als die Städte und die Rohprodukte dem Adel besser
bezahlen, leicht zulassen, oder soll sie im Interresse der Städte ihr Hereinkommen er—
schweren, den Adel auf die einheimischen städtischen Märkte verweisen, im Interesse der
staͤdtischen Gewerbe den Export von Wolle, Häuten u. s. w. erschweren, im Interesse der
städtischen Nahrung, so oft die Preise steigen, die Ausfuhr von Getreide und anderen
Rohprodukten Wwerren?