Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

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1057) Preußens Schutzsystem und seine Resultate. 99 
ystem (1763 -1756), zu einer großen Zahl Einfuhrverboten und Tariferhöhungen führen, 
die zunächst provisorisch als Retorsionen gedacht waren, aber in der Hauptsache dann 
dauernd blieben, da die Kommerzienverhandlungen mit Sachsen und Osterreich vor und 
nach dem Kriege resultatlos verliefen. 
Nach dem Kriege hat der König den Druck der Accise wohl durch Aufhebung und 
Ermäßigung der Sähe für die Nahrungsmittel der kleinen Leute ermäßigt, aber im 
aübrigen das System noch sehr verschärft, die Einfuhrverbote auf Hunderte vermehrt, 
durch die eingeführte Grenzbewachung die Kontrolle zum ersten Mal nachdrücklich gemacht, 
hzurch Staatsmonopole, Ausdehnung des Wollausfuhrverbotes auf Schlesien, durch 
Schließung der ganzen Ostgrenze für die polnische Getreideausfuhr zum inneren Konsum, 
durch Ausbildung des Transitozollsystems, durch die viel schärfere Kontrolle des Frank— 
urter Meßverkehres, durch die dauernde Sperrung alles Handels nach Kursachsen und 
Ssterreich große Unzufriedenheit, hauptsächlich in den Jahren 1764—-1773 erzeugt. Von 
1774 an hat der wirtschaftliche Aufschwung die Klagen wieder zurücktreten lassen. Der 
noch größere Aufschwung von 1790 —1806 war mehr Folge der Lähmung der französischen 
und holländischen Volkswirtschaft als des preußischen Handelssystems. Von 1786-1806 
hat ein ungeschickter Zickzackkurs in der preußischen Handelspolitik gewaltet, an ihren 
vesentlichen Grundlagen aber nichts geändert; einige Schärfen wurden gemildert, andere 
aber hinzugefügt. J 
Das Resultat im ganzen war trotz der starken Ubertreibungen 1765 — 1806 
ein günstiges. Jedenfalls war Preußen 1680—1806 das europäische Land mit der 
ttärksten Einwanderung und der stärksten jährlichen Bevölkerungszunahme (111/2 00). 
Seine Aus- und Einfuhr betrug 1752 120 Mill. Mk., 1795 -1796 312; durch den Sund 
uhren 1769-1774 jährlich 25300, 1804 2012 preußische Schiffe; Stettin besaß 1751 
79 Handelsschiffe mit 4675, 1782 150 mit 17911 Lasten; die Aus- und Einfuhr 
Stetlins war wohl von einer halben auf drei Millionen Rthl. 17560 -1785 gewachsen. 
An Wollwaren wurden 1785 sür 6—8 Mill. Rthl. produziert, für 1 Mill. exportiert. 
An Leinwandwaren schätzt Herzberg die Produktion zu 9 Mill. Rthl., an Seidenwaren 
zu 8 Mill.; von beiden ging auch ein großer Teil ins Ausland. Preußen hatte eine 
zlühende Landwirtschaft und eine erhebliche Industrie. Die Ausbildung der königlichen 
Betreidemagazine mit ihren großen Ein- und Verkäufen hatte die Getreidepreise von 
17140 21786 so ziemlich auf gleicher mittlerer Höhe gehalten, was der Landwirtschaft 
vie den Gewerben gleichmäßig zu Gute kam. Berlin war eine der schönsten und die 
billigste Groß- und Industriestadt Europas geworden. Die preußische Rechtspflege galt 
für die unabhängigste; die persönliche Freiheit und Sicherheit, die unabhängige Mein ungs— 
aäußerung wär garantiert. Durch den ganzen Staat und seine Wirtschaft wehte die Luft 
rationellen Fortschrittes. Und wenn der Merkantilismus und die Beamtenthätigkeit 
auch bis zur staatssocialistischen Vielregiererei sich gesteigert hatte und der Korrektur 
jarrte, ohne die treibenden Regenten, ohne die starke staatliche Zusammenfassung der 
raufte, ohne den Schutzzoll und die aggressive Handelspolitik wäre in diesem Lande ohne 
ühnes weitblickendes Bürgertum, mit feinem kleinen lokal und provinziell fühlenden 
Feudaladel, mit seinen armen Bauern der Aufstieg zur modernen Volkswirtschaft und 
zu einem mäßigen Wohlstand nicht möglich gewefen. 
Ohne die Politik, die Kriegführung, den Merkantilismus Preußens wäre nirgends 
in Deutschland ein fester Halt gegen Ost, Süd, West und Nord gewesen. Unser Vater⸗ 
land wäre im 18. oder 19. Jahrhundert wahrscheinlich wie VPolen von den anderen 
großen Mächten geteilt worden. 
262 Bedrutung und Kritik des Merkantilismus. überblicken wir 
die Maßregeln des Merkantilismus, so könnte es scheinen, daß sie weit auseinander- 
liegen. Die meisten Staaten freilich haben ihr Hauptaugenmerk auf den Kolonial— 
rwerb und den Kolonialhandel, auf das Monopol dieses Handels gerichtet (wie Portugal, 
Spanien, Holland, später Frankreich und England). Aber die einen haben damit das 
Ziel verbunden, sich zum Mittelpunkt des europäischen Zwischenhandels zu machen und 
shre Handelsmarine zu stärken (Holland und Enaland), die anderen haben diese Ziele
	        
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