Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

300 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [1058 
nicht oder in geringerem Maße verfolgt (Portugal, Spanien, Frankreich). Einige 
wollten in erster Linie eine große eigene Industrie und einen starken Industrieexport 
sich schaffen; sie erschwerten die Ausfuhr der industriellen Rohstoffe, die Einfuhr der 
konkurrierenden Industriewaren (Frankreich, England, Preußen); bei andern tritt dies 
Ziel wenigstens hinter der Handelsförderung zurück (Portugal, Spanien, Holland). Einige 
hatten einen im ganzen freien Getreidehandel (Holland), andere erschwerten die Getreide— 
ausfuhr, um villige Lebensmittel für die Städte und die Industrie zu schaffen (Frank— 
reich), wieder andere zahlten Getreideexportprämien, um die Preise im Intereffje der Land— 
wirtschaft zu heben (England) oder erschwerten die Einfuhr billigen konkurrierenden 
Getreides (Preußen). Bei einigen hat es den Anschein, daß' ihre Politik den 
ausschließlichen oder überwiegenden Handelsinteressen diente, wie das schon bei den 
Puniern und Venetianern, später bei den Holländern hervortritt, bei andern erscheint 
die Förderung der großen einheimischen Produktionszweige, Industrie, Bergbau, Land— 
wirtschaft als die Hauptsache; sie geschieht allerdings auch hier durch die Handels— 
beeinflufsung; daher der Name: Handels- oder Merkantilsystem. 
Die Verschiedenheit dieser Mittel entspringt der Verschiedenheit der Natur, der Größe, 
der Lage, der wirtschaftlichen Entwickelungsstufe der Länder, teilweise auch der verschiedenen 
Einsicht der Regierenden und dem verschiedenen Maß der vorherrschenden Klasseninteressen. 
Alle Staaten aber gleichen sich darin, daß sie für diese verschiedenen Zwecke ähnliche Mittel 
Aus- und Einfuhrverbote, Aus-, Einfuhr- und Durchfuhrzölle, Prämien, Navigations— 
Jgesetze, Kolonialgesetze u. s. w.), kurz eine weitgehende wirtschaftliche Staatsverwaltung und 
einmischung anwenden; überall soll der Absatz und die Bewegung der Waren und 
Produkte in bestimmte Richtung direkt gezwungen oder indirekt gelockt, das wirtschaft— 
liche Handeln der Bürger, indirekt auch das der Fremden, der Konkurrenten, der wirt— 
ichaftlichen und politischen Feinde weitgehend beeinflußt werden. Und zuletzt werden 
wir sagen können, alle diese verschiedenen Mittel einschließlich der Zoll- und Handels⸗ 
kriege beständen in der Einsetzung staatlicher Machtmittel für die speziellen Wirtschafts— 
und Handelsinteressen, deren Förderung im Moment als das Wichtigste für die Nation 
und den Staat erschien. Und wir werden weiter behaupten können, daß die sich ver— 
größernden Nationalstaaten des 15. 418. Jahrhunderts alle mehr oder weniger eine 
solche Politik und solche Mittel angewandt haben, und daß durch sie diejenigen empor— 
kamen, die mit Klugheit und Energie, mit Anpassung an ihre Machtmittel, mit richtiger 
Schätzung der vorhandenen wirtschaftlichen Kräfte und Widerstände merkantilistische 
Politik trieben. Alle Staaten standen 1300-5 1800 nur vor der Wahl, entweder 
merkantilistische Politik zu treiben und damit zur inneren Einheit und äußeren Anerkennung 
zu kommen oder in der alten lokalen und naturalwirtschaftlichen Wirtschaftsform zu 
verharren, in ihrer losen Struktur von den merkantilistischen Staaten überholt. bei 
Seite geschoben, ausgebeutet zu werden. 
Die merkantilistischen Institutionen halfen höhere Wirtschaftsformen ausbilden, 
Kolonialbefitz erwerben und nützen, auswärtigen Handel und heimische Marine, große 
Hausindustrien und die ersten Großbetriebe schaffen; sie förderten die innere Arbeits— 
teilung, den zunehmenden inneren Waren- und Geldverkehr, das Kreditwesen, die Steuer— 
und Finanzkraft des Landes, sie begünstigten das Bürgertum, die aufstrebenden Mittel— 
flafsen, das neue Unternehmertum. An der modernen Staatenbildung hat der Merkan— 
tilismus wesentlich mitgewirkt; er war für nationale Einheit und Zusammenfassung 
der Kräfte thätig. Aus dem nie ruhenden damaligen handelspolitischen Kampf um 
die Märkte, um den Industrieabsatz und die Kolonien ging das Übergewicht der größeren 
Staaten, aber auch die Anstrengung der kleinen hervor, die sich gegen die Unterdrückung 
der größeren wehrten. Wie England und Holland im Kampf gegen Spanien, so kam 
Preußen im Gegensatz zu den Westmächten und Osterreich empor. Und stets ging das 
politische und das wirtschaftliche Emporsteigen Hand in Hand. Die kleinen Staaten 
ersetzten durch moralische Kräfte, Energie, kluge uͤmsicht, was ihnen zunächst noch an 
Macht, an Kapital, an Kolonien, an Seetüchtigkeit fehlte. Und das letzte Ergebnis 
war gegen 1750 — 1850 doch ein Sieg des humaneren Rölkerrechtes über die merkan—
	        
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