Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

302 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [1000 
ystems kleinere schwächere Staaten sich durch Fremdenrecht, Schiffsgesetze, Schutzzölle gegen 
größere, stärkere, sie mißhandelnde sich handelspolitisch wehrten, wird niemand das salsch 
finden. Aber wo die starken sich zu brutal benahmen, ist das Gegenteil der Fall; da 
schlossen sich leicht auch für sie — neben den ersten Machterfolgen — später die größten 
Nachteile an den Machtmißbrauch. Portugal und Spanien mußten das erleben, wie 
England durch den Verlust der Vereinigten Staaten. 
Ein erheblicher Teil der handelspolitischen Kümpfe des Zeitalters knüpft an das 
ältere unvollkommene Völkerrecht an. Als der Papst die Weltmeere durch einen Strich 
auf der Weltkarte zwischen Portugal und Spanien geteilt, empfand dies die übrige Welt 
als ein grobes Unrecht und schwere wirtschaftliche Schädigung. Es entstand der lange 
Streit, ob es ein staatliches Eigentum an den Meeren gebe. Die Holländer ließen 
durch Hugo Grotius die Freiheit der Meere verteidigen, führten aber praktisch die Un— 
freiheit in den afiatischen Meeren durch. Ähnlich bekehrten sich die Engländer rasch 
vom mare liberum zum mare clausum Brittanicum. Selden behauptete, das brittische 
Reich reiche bis zu den gegenüberliegenden Küsten. In den neu erworbenen Kolonien 
iehlte leicht jede Kontrolle und Schranke der staatlichen Macht; man denke an die 
Greuel der Negerjagd und des Negerhandels, an die Barbareien, durch welche England 
in Indien Herr wurde, an die vielsach maßlosen Einschränkungen alles wirtschaftlichen 
Lebens in den Kolonien. Auch weitere Punkte des Völkerrechts waren von durch— 
schlagender Bedeutung für die damalige Handelspolitik. Wir sahen, bis zu welchen 
Gewaltthaten das Kaperwesen führte. Allen Neutralen zeitweise jeden Handel zu ver— 
bieten, ihre Schiffe zu nehmen, haben die starken Mächte, besonders England, bis 1815 
in Kriegszeiten sich angemaßt. Nur langsam siegte von 1600 - 1856 ein etwas civili— 
sierteres Seekriegsrecht, das die neutralen Staaten schützte, dem Grundsatz „frei Schiff, 
rei Ware“ Geltung verschaffte. Die Vorstellung, daß Handelsverträge nur ihr Ziel er— 
reichen, wenn die stärkeren und klügeren dabei die schwächeren und ungeschickteren Staaten 
betrügen, gehört recht eigentlich der Zeit des Merkantilismus an. Mit Bestechung wird 
auch heute da und dort in der Diplomatie gearbeitet, aber doch entfernt nicht mehr so, 
vie in der Handels- und anderen Politik des 17. und 18. Jahrhunderts. 
Das sind die schwarzen Schatten des Merkantilsystems: ein Teil der Erfolge 
war Machtmißbräuchen zu danken, die in ihren ferneren Folgen ungünstig wirken 
mußten, die politische und wirtschaftliche Organisation vergifteten, zu Reaktionen und 
päteren Niederlagen die Keime legten. 
Dazu kam nun die technische Unvollkommenheit der Mittel, mit welchen der 
Merkantilismus arbeitete. Das Beamtentum war meist noch nicht geschult und integer 
zenug. Das Übermaß der Staatsthätigkeit erzeugte bei seiner ersten großen Ausdehnung 
ju viel Korruption, Täuschung, Betrug, Mißgriffe aller Art. Nehmen wir nur die 
Ausbildung der Zolltarife; von wenigen Dutzend Positionen waren sie vom 16. bis 
18. Jahrhundert auf Hunderte und Taufende gestiegen; meist waren es noch Werttarife, 
die zu lauter falschen Deklarationen führten. Die Zollpflichtigen waren meist schutzlos 
der Willkür der Beamten ausgesetzt. Bei den Tendenzen zu nationalem Schutz schritt 
nan fast allerwärts zu rasch von Zöllen im Betrag von 5—250/0 zu solchen von 
50-200 0/0 des Wertes, verwandelte zu häufig die Zölle in Aus- und Einfuhrverbote; 
zu lange ließ man die Ausfuhrzölle des Mittelalters, die Rohstoffzölle bestehen. Die 
Folge war ein maßloser Schmuggel, Bestechung der Zollbeamten, Betrug aller Art. 
In Westindien wurden */10 der Einfuhrwaren geschmuggelt. Von den ehrbaren Gründern 
der Vereinigten Staaten waren sehr viele notorische Schmuggler. In England schätzte 
man 1780, daß 2 Mill. Menschen am Schmuggel beteiligt seien; von 181/2 Mill. Pfund 
Thee wurden 7 Mill. geschmuggelt; von der französischen wirklichen Einfuhr nach Eng— 
sand von 24 Mill. Livres waren 18 geschmuggelt. Eine unerhörte Korruption ver— 
breitete sich so über allen Handel. Und diese Korruption setzte fich fort in die Parla— 
Zente und in die Regierungskreise; die Interessenten wußten für sich Zölle, Prämien, 
Rückzölle durchzusetzen. Immer mehr entschieden in vielen Staaten nicht die Gefamt⸗, 
sondern habsüchtige Privatinteressen. RDer ganze Apparat des Zollwesens war nun
	        
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