46 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [504
gleiche Folgen habe, ein im voraus bestimmtes Maß von Wettbewerb, eine bestimmte
Wirkung auf die Preise oder auf die Produktion erzeuge. Der eine, der freie Konkurrenz
verlangt, denkt an die Beseitigung des Zunftwesens, der andere än die aller Schutzzölle,
der dritte an die Unterdrückung der Kartelle und Gewerkschaften. Mag die äußere
Rechtsordnung der Volkswirtschaft oder des Marktes viel ausmachen für das Maß von
Konkurrenz, das entsteht oder vielmehr entstehen kann — wir kommen darauf zurück —:
das erste bleibt die Zahl und die Art der im einzelnen Geschäftsgebiet vorhandenen
Menschen, die für sie vorhandene Verkehrsmöglichkeit, ihre gegenseitige Beeinflufsung,
das Maß ihres Erwerbstriebes, ihrer Rücksichtslosigkeit und alles Derartige. Suchen
wir uns diese Verschiedenheiten etwas im einzelnen klar zu machen.
169. Die Verschiedenheit der Konkurrenzverhältnisse. In jedem
Kreise von Menschen ist ein Durchschnittsmaß von Regsamkeit und Beweglichkeit, von
Welt- und Menschenkenntnis vorhanden, welche die Kraft und Art der Konkurrenz
bestimmen. Hauptsächlich die Art, wie sie sich in den Geschäftssitten äußert, ist ab—
hängig einmal von der Stärke der egoistischen Triebe, das heißt des Erwerbstriebes,
der Eitelkeit, des Kraftgefühls, der Rücksichtslosfigkeit, dann auch von dem Gefühle
technisch-kaufmännischer Überlegenheit, von dem Stolz auf die eigene List und Klugheit
und dann von dem Maß, in welchem erstens die moralischen Gegengewichte, das
Billigkeits und Rechtlichkeitsgefühl, der Anstand, die Ehrlichkeit, das Mitgefühl, und
weitens die intellektuellen, nämlich die Einsicht in die Schädlichkeit egoistisch-brutaler
Handlungen, in die zukünftigen Wirkungen derselben thätig sind. Folgt die Ent—
wickelung dieser psychologischen Voraussetzungen der Konkurrenz einem gewissen historischen
Gesetz, ist sie mit abhängig von der Größe und Art des Marktes, so ist doch anderer⸗
seits nicht zu leugnen, daß auf jeder Stufe der Verkehrsentwickelung die Intelligenz
und die Selbstsucht, die Ehrlichkeit und das Mitgefühl je nach der allgemeinen geistig—
sittlichen Atmosphäre verschieden auftreten können und wirken werden.
Die Größe des Marktes, die Zahl der regelmäßig an ihm Beteiligten und die
Art, wie sie sich treffen und kennen lernen, scheint im übrigen die Hauptursache für die
Gestaltung der Konkurrenz. Wo nur wenige Personen sich regelmäßig auf einem kleinen
Markte begegnen, ist die Konkurrenz eine schwächere als da, wo Hunderte und Tausende
neben und einander gegenüberstehen. Die wenigen kennen sich meist, nehmen Rückfsicht
auf einander; die vielen, die sich nicht mehr kennen, an verschiedenen Orten wohnen,
stehen sich unpersönlich gegenüber, überlassen sich dem Erwerbstrieb ganz anders. Dabei
kommt es, was die Staͤrke und die Wirkung des Wettbewerbes betrifft, nicht bloß auf
die Zahl an sich an, fondern ebenso auf das Maß der wirtschaftlichen Kenntnisse, auf
die Möglichkeit der Bildung einer Marktmeinung, auf das regelmäßige Zusammen—
kommen, auf die Verkehrsmittel, welche Personen und Waren in Berührung bringen,
endlich auch auf die Stellvertreter für diese oder jene Ware. Für die Köchin, die zum
Fleischeinkauf nicht über zwanzig Schritte gehen will, hat der nächste Fleischerladen ein
konkurrenzloses Monopol; geht sie hundert Schritte oder in die Markthalle, so hat fie
die Auswahl unter Dutzenden von Verkäufern. Wer sein Haus nur mit Gas beleuchten
will, kann meist nur an die eine Gasanstalt des Ortes sich wenden; wer sich überlegt,
ob er elektrisches, Gas- oder Petroleumlicht wählen soll, hat schon den Vorteil, diese
drei konkurrierenden Arten von Anstalten vergleichen, die billigste und für ihn beste
wählen zu können. Wem zahlreiche Märkte, die Geschäfte verschiedener Orte und Länder
zugänglich sind, ist in anderer Konkurrenzlage, als wer nur die örtlichen benutzen kann.
Die neuere Ausbildung der Verkehrsmittel, des Nachrichtendienstes und der Presse hat
am allermeisten die Zahl der konkurrierenden Personen und Geschäfte und die Wirkung
der Konkurrenz gesteigert. Die Verkehrsmittel haben die Geschäftsleute und die Arbeiter
sehr viel beweglicher gemacht als früher. Fast alle Konkurrenz vollzieht sich heute
innerhalb einer Summe engerer, nächstbeteiligter, örtlich konzentrierter Personen; dann
aber nehmen unter Umständen weitere, der elastischen Ausdehnung fähige Kreise teil.
Jeder Markt hat so einen inneren Kern regelmäßiger Teilnehmer, daneben eine Schicht
fernstehender, die durch Wohnort, Verkehrsschranken, andere Lebenssphären für gewöhn—