606 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [1064
ihr geringen Vorteil gehabt hatten, alle, die an den endlichen Sieg der Vernunft
glaubten, alle, die von den idealistischen und individualistischen Ausklärungsidealen
1750-18650 erfüllt waren, stellten fich in den Dienst der Freihandelsideen.
Einen freieren Verkehr von Land zu Land hatten schon einzelne der großen
englischen Handelsschriftsteller des 17. Jahrhunderts, dann zu Anfang des 18. die
englischen Tories wie Bolingbroke verlangt. Roch mehr thaten es die Physiokraten, die
vor allem freie Ausfuhr für das französische Getreide wünschten (,, S. 89. 90). Hume
hjatte die Handelsbilanz- und Geldlehre der Merkantilisten angegriffen. Aber erst
A. Smith (vgl. J. S. 90) gab der Freihandelslehre ihre siegreiche Formulierung. Zwar
läßt er Zölle für Industrien, die der Landesverieidigung dienen und für die heimische
Marine, auch Retorsions- und Steuerausgleichszolle zu und empfiehlt die Aufhebung der
Schutzzölle für von alther geschützte, viele Menschen beschäftigende Gewerbe in langsam
schonender Weise. Aber alle übrigen Maßnahmen des Merkantilsystems erscheinen ihm
jalsch, durch Klassenherrschaft der Interefssenten erschlichen; die Schutzzölle, die Aus—
und Einfuhrverbote, das Kolonialsystem leiten Kapital und Arbeit in falsche Bahnen,
verteuern, schaffen ungerechte Monopole. Seine Hauptvorstellung, die er wesentlich
dem Unterschied der Klimate, der geographischen Ausstattung der Staaten entnimmt,
ist folgende: die einen Staaten koönnen diese oder jene Waren billiger und besser
als andere herstellen; alle gewinnen, wenn jede Ration das produziert, was sie
billiger und besser machen kann, wenn jede da verkauft, wo sie höheren Preis er—
hält, da einkauft, wo die Ware billiger als zu Hause ist. Wo man nicht darnach
handelt, verteuert man das Leben, dermindert die Konsumtion. Die Schutzzölle
önnen die Gesamtproduktion gar nicht erhöhen, da fie von der vorhandenen Kapital—
menge abhängt. Das Interesse der Konsumenten an der größtmöglichen Billig—
eit der Waren soll allein die Handelspolitik beherrschen. Die Gefahren, die der
Merkantilist sieht, scheinen A. Smith gar nicht vorhanden. Nur eine kleine Zahl von
Industrien kommt für den internationalen Handel in Betracht. Der Transport von
Betreide, Vieh, allen schweren Waren ist von Land zu Land viel zu teuer; England
ührt höchstens 1/571 seines Jahresbedarfes an Korn ein; wie soll ihm da freier Handel
gefährliche Konkurrenz machen. Auch werde der Freihandel kaum je Arbeiter brotlos
machen. Die wenigen etwa entlaffenen fänden stets leicht wieder andere und zwar pro—
duktivere Beschäftigung.
Der geographische Kern der neuen Lehre war ebenso wahr wie der Vorwurf der
Verteuerung und der Monopole infolge vieler merkantilistischer Maßnahmen und die
Betonung der damaligen Transportverteuerung, die schon ganz genügend fremde Konkurrenz
abhalte. Vor allem, die Lehre war zeitgemaäͤß für das damalige England, das Smith
allein näher kannte, aus dessen Zuständen heraus er allein argumentierte. Ihre große
Wirksamkeit erhielt die Lehre aber dadurch, daß sie mit dem großen Befreiungskampf
zgegen die Mißbräuche und die maßlose Vielregiererei der Zeit zusammentraf, daß fie
der Mittelpunkt eines großen optimistischen Gedankensystems wurde, das Freiheit des
wirtschaftlichen Handelns auf allen Gebieten forderte. Die Verkündigung dieser all—
zemeinen Freiheitslehre entsprach den politischen und philosophischen Tendenzen der
Zeit; sie wurde der Kernpunkt der ganzen Raturlehre der Volkswirtschaft; sie wurde
von den fähigsten Köpfen der Zeit mit Enthusiasmus, fast als eine neue Offenbarung
zufgenommen, entsprach dem theistischen Optimismus, den besten Instinkten der Zeit.
Sollte man nicht jubeln, wenn Hume, den Handelsneid verurteilend, erklärte, England
Snne sich nur freuen, wenn auch Fraukreich, Deutschland und andere Lünder wirtschaft⸗
lich emporkämen, wenn A. Smith die Thorheiten des Merkantilsystems, die Brutali—
täten des Kolonialsystems geißelie. Das neue Zeitalter der Völkerharmonie und des
Friedens schien mit dieser Lehre anzubrechen. Wie Quesnay schon fich auf den „ge—
rechten und guten Gott“ berief, der mit jedem freien Handel einen gegenseitigen Handels⸗
vorteil verknüpfe, so ließ noch Cobden in seinen Reden einfließen, daß „Gott und die
Ratur“ den freien Handel wollten. Alles was der siegreich vordringende volitische und