1071)] Die deutsche Handelspolitik 1818 —1860, die englische von 1840 an. 613
Auflösung infolge inneren Haders bedroht. Preußen wie der Zollverein waren bei
allen handelspolitischen Verhandlungen mit dem Ausland durch die mangelnde Macht
und Einheit in schlechter Lage. Preußens dringlichste und berechtigtste Wünsche, wie
J. B. bessere Behandlung der schlesischen Leinwand und des deutschen Holzes in Eng—
(and, der deutschen Fabrikate in Rußland, wurden stets glatt abgewiesen. Ahnlich
vurde der Zollverein von Frankreich mißhandelt. Alle Handelsvertragsverhandlungen
waren erschwert; es wurde in dieser Beziehung nicht viel erreicht. Die wenigen
Handelsverträge, die zu stande kamen, waren ohne große Bedeutung, einzelne fast un—
günstig. Und doch war die Epoche von 1834-1865 für den Zollverein eine solche
großer Fortschritte und rasch steigenden Wohlstandes. Die Gewerbe erhoben sich vielfach
schon zur Großindustrie; auf dem großen inneren, sich stetig erweiternden Markte war
Raum für ihren Absatz; die innere Arbeitsteilung war die Hauptsache, zu sehr großem
Export und Import war noch nicht viel Veranlassung; immer stieg der Wert der Aus—
und Einfuhr von etwa 740 Mill. Mk. 1834 auf etwa 1100 1848 -1852, auf
21-2400 1860- 1864; Deutschland erzeugte 1849 —1850 etwa noch 950/0 seiner
Ldebensmittel selbst, hatte bis Mitte der 7T0oer Jahre einen Überschuß der Ausfuhr an
Weizen und anderen Lebensmitteln; es exportierte daneben damals schon erhebliche Mengen
Seiden-, Wolle-, Leinen--Baumwollwaren, importierte von Fabrikaten fast nur Baum—
wollgespinste und Eisenwaren. Eine mäßige Schutzzollerhöhung für Baumwolltwiste,
Roheisen und Eisenwaren und einige andere Fabrikate war 1842 -1851 eingetreten,
im Anschluß an die Listsche Schutzzollagitation, an die Stockung jener Jahre, an die
Mißhandlung durch das Ausland, an die englischen Schleuderpreise. Doch hatte Preußen
von 1851-1860 wieder jeder weiteren Zollerhöhung widerstrebt, nur die Zollthore
zegen Osterreich differentiell etwas geöffnet; freilich geschah das nicht sowohl aus Über—
zeugung, als aus politischer Notwendigkeit. Osterreich wollte 1349—1858 in den
Zollverein eintreten, um Preußen die Herrschaft in ihm streitig zu machen und ihn
zugleich am Schutzsystem festzuhalten. Preußen hatte dies abgelehnt, aber wenigstens
im sogenannten Februarvertrag (1853) Hsterreich die differentielle Zollbegünstigung ein—
räumen müssen, die den Handel dahin etwas, aber nicht zu sehr belebte. Die Zoll—
herabsetzungen hatten den stärksten Widerspruch der österreichischen Industriellen erzeugt
und damit die österreichische Regierung gehindert, bei Zeiten in die für 1860 zugesagten
Beratungen über die Zollunion zwischen Osterreich und dem Zollverein einzutreten.
d. Unterdessen hatte die große westeuropäische Freih andelsbewegung eingefsetzt,
die 1860-1870 ihren Höhepunkt erreichte. In England ruhten die Gedanken
A. Smiths und Huskifsons nicht; die mit Königin Victoria ans Ruder gekommenen
Whigs und die ins Parlament 1832 eingetretenen Mittelklassen standen ihnen näher
als die Tories. Der Fortschritt in Handel und Industrie ließ das sonst noch un—
veränderte alte Handelssystem von Jahr zu Jahr veralteter erscheinen. Noch be—
standen 1840 zahlreiche Aus- und Einfuhrverbote, eine Besteuerung von Halbfabrikaten,
bdiele Ausfuhrzoͤlle; man hatte 1840 sogar alle Zölle wegen des Defizits um 800 er—
höht. Die gleitende Skala der Getreidezölle vermehrte die Preiswechsel, statt sie zu ver—
mindern, durch die damit verbundene Wirkung auf die Spekulation. Die großen
Fabrikanten betrachteten mehr und mehr die Kornzölle als eine unerträgliche Ver—
teuerung der Industrie und der Exportwaren. Im Jahre 18837 entstand in Manchester
die Anükornzollliga und wußte seit 1842 mit Kosten bis zu 1Mill. O jährlich unter
der Führung glücklicher Agitatoren wie Cobden und Bright die öffentliche Meinung zu
gewinnen. Die Versuche der whigistischen Minister, einiges zu bessern, glückten nicht
recht. Da griff der große, durch eine Enquete bekehrte Toryminister Peel ein, setzte
die Einkommensteuer als finanzielle Vorbedingung von Zollreduktionen 1842, und seine
zroßen Zollreformen 1842 und 1845—1846 mit Hülfe der Whigs und einem Teil der
'hym treu gebliebenen, weitsichtigeren Tories durch. Daran schlossen fich die Gladstone—
ichen Zollreformen von 1888 und 1860. Der komplizierte Tarif von 1150 Positionen
wurde sehr vereinfacht, auf wenige einträgliche Finanzzölle beschränkt, die Einfuhr—
berbote und Ausfuhrzölle wurden beseitigt; die landwirtschaftlichen Schutzzölle fielen