1073)] Die allgemeinen Freihandelssiege von 1860 1875. 615
. Im deutschen Zollverein war Preußen seit 18851 für Zollermäßigungen
eingetreten; die großen Industrien und die Mittelstaaten waren eher für Zollerhöhungen.
Seit 1848 hatten sich in den Seestädten Vereine für Handelsfreiheit gebildet; der volks—
wirtschaftliche Kongreß war seit 1858 in gleichem Sinne thätig, forderte Beseitigung
der Durchfuhrzölle, der Zölle auf Lebensmittel, auf Roh- und Hülfsstoffe der Industrie
und Herabsetzung der Industriezölle. Die Landwirtschaft, hauptsächlich der östliche
Großgrundbesitz, war infolge seines Exportes nach England auch ganz freihändlerisch,
meinte sich durch die Eisenzoͤlle benachteiligt. Der englisch-französische Vertrag bot
Preußen einen Anlaß, mit Frankreich zu unterhandeln (1861). Der 1862 (11. März)
zu stande gekommene Handelsvertrag mit Frankreich war Preußen (so wenig es von
seinem Partner ausreichende Konzesfionen erhalten hatte) willkommen, weil damit die
liberale Handelspolitik im Zollverein festgelegt war. Preußen erklärte den schutz-
zöllnerischen Mittelstaaten, es erneuere den Zollvereinsvertrag nur mit den zustimmenden;
der bisherigen differentiellen Begünstigung Osterreichs, seinen etwaigen Wünschen, in
den Zollverein einzutreten, war damit die Spitze abgebrochen. Der preußische Landtag
stimmte fast einstimmig dem französischen Vertrage zu; die Mittelstaaten gaben nach
langem Kampfe 1865 nach; mit dem von Bismarckk durch politische Mittel gewonnenen
Osterreich gelang am 11. April 1866 ein freihändlerischer Meistbegünstigungsvertrag,
der die Sonderstellung dieses Reiches aufhob. Tarif- und Meistbegünstigungsverträge
des Zollvereins mit Belgien, England, Italien folgten noch 1865, weitere mit anderen
Staaten 1868 —1870. Zwei autonome freihändlerische Tarifreformen 1870 und 1878
schlossen die Bewegung in Deutschland ab; ein neues Zollgesetz von 1869 hatte die
Zollverwaltung dem Geiste des Freihandels und der neuen Verkehrstechnik angepaßt.
So berechtigt die Wendung der deutschen Zollpolitik 18601878 im ganzen war, so
wird man doch sagen müssen, daß sie fast mehr aus Gründen der inneren parlamen—
tarischen und Parteipolitik, aus Motiven der auswärtigen Politik, aus etwas über—
spanntem Doktrinarismus, als aus sachlicher Prüfung der Lage unserer Industrie ent⸗
sprang; es kommt hinzu, daß man nicht verstanden hatte, das Finanzinteresse des
Zollvereins richtig zu wahren und für die Herabsetzungen entsprechende Zollkonzesstonen
anderer Staaten einzutauschen. Und die letzte große Eisenzollreduktion für die Jahre
1878 -5 1877 beschloß man in dem Moment, als der Ausbruch der größten Wirt—
schaftskrisis des Jahrhunderts Vorsicht geboten hätte. Man hatte so 1869-1877 den
Freihandel in Deutschland etwas übertrieben.
Zunächst aber waren Regierungen und öffentliche Meinung zufrieden mit der
scharfen Wendung nach dieser Seite. Hatten doch auch die Vereüinigten Staaten
unter der Leitung der demokratischen südstaatlichen Pflanzeraristokraten, welche Baum—
wolle und andere Rohprodukte gut exportieren, Fabrikwaren billig in Europa kaufen
wollten, 1832 -1860 sich mehr und mehr dem Freihandel genähert; und wenn man
dann zu Schutzzöllen zurückkehrte, so waren die Zölle doch zunächst nicht allzu hoch
und wurden 1872 um 100/0 reduziert. Auch Rußland hatte von 1844 an, haupt—-
sächlich 1880 und 1887, seine Schutzzölle ermäßigt; die Binnenzollgrenze zwischen
Rußland und Polen war 1861 gefallen. Schweden, Belgien, die Nieder—
lande, Dänemark hatten an der freihändlerischen Bewegung teilgenommen. In
der Schweiz hatte bis 1849 jeder Kanton seine besonderen Zölle; die Zolleinigung
von 1849 begann mit geringen Durchfuhrzöllen, wenigen Ausfuhrzoöllen, sehr mäßigen
Einfuhrzöllen; liberale Verträge mit Frankreich, Italien, Deutschland, Hfterreich de⸗
festigten und erhielten das freihändlerische System der Schweiz bis in die 80er Jahre.
Piemont war durch Cavonr 185521861 ganz dem Freihandel zugeführt worden,
und Italien schloß sich dann 1860—41875 dem westeuropäischen Konzert der Handels—
verträge an. —
—* Doktrinäre und Heißsporne des Freihandels wurden 1860—1870 nicht müde,
der Welt zu verkünden, in wenigen Jahren werde die ganze Erde und zwar auf immer
für die neue liberale Handelspolitik gewonnen sein. Es kam anders. Zuerst aber
haben wir das Facit der Evpoche zu ziehen.