616 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [(1074
265. Würdigung der Freihandelsära. Handelsstatistisches Bild
des 19. Jahrhunderts. Haben, wie wir oben sahen, die meisten Kulturstaaten
und im Zusammenhang damit fast die sämtlichen Staaten der Erde an den frei—
händlerischen Verträgen und der Herabsetzung der Zölle sowie an der Beseitigung der
andern Hemmnisse des internationalen Verkehrs teilgenommen, so thaten die Kultur—
staaten es doch aus verschiedenen Motiven und Ursachen. Hochentwickelte, alte und
reiche Industriestaaten wie England, aber auch Belgien und Frankreich, verließen sich
auf ihre Überlegenheit und sahen in der Aufschwungsperiode 1880 —1878 ein, daß sie
des Schutzes gegen Konkurrenz nicht mehr so wie früher bedürften, daß die alten Ver—
bote, Zölle und Schiffahrtsgesetze dem Fortschritt ihres Wohlstandes mehr schadeten
als nützten. Überwiegende Agrarstaaten, wie Rußland, die Vereinigten Staaten,
Osterreich, Italien, Dänemark, wollten ihren Urproduktenexport fördern, hielten damals
eine stärkere Industriekonkurrenz für ungefährlich, ja vorteilhaft. Staaten, die in ihrer
Entwickelung in der Mitte standen, wie Deutschland, glaubten ihre Industrie und
ihren Industrieexport wie ihre Landwirtschaft so am besten zu fördern. Bei vielen
wirkten die verschiedensten politischen Motive mit. Napoleon III. wollte sich populär
machen und England gefällig zeigen. Preußen hatte 1818 keine Retorsionszölle ein—
geführt, um nicht mit seinen Alliierten zu brechen, es wollte 1831—-18685 durch frei—
händlerische Politik Osterreich vom Eintritt in den Zollverein abhalten. Cavour wollte
durch feinen Freihandel Napoleon III. gewinnen. Die halb civilisierten und ärmeren
Staaten mußten teilweise dem politischen Drucke weichen, der im Interesse der mächtigen
Staaten auf sie geübt wurde, teilweise sahen sie selbst ein, daß ihre alte Absperrung
jetzt nicht mehr möglich sei, daß sie Staatsanleihen und sonstigen Kapitalzufluß, Eisen-
bahnen und überhaupt die Einrichtungen der Civilisation nur erhalten konnten, wenn
sie sich etwas mehr als bisher nach außen öffneten.
Bei allen Staaten ist aber daneben doch eine gemeinsame Grundstimmung. Der
große Zug der freihändlerischen Theorie hatte alle mehr oder weniger angestedkt; die
Einsicht, daß Barbarei, Brutalität, Unverstand, thörichter Handelsneid einen erheblichen
Teil des alten Merkantilsystems gezimmert hatten, war endlich von 1340— 1870 in die
konservativsten Köpfe, in die starrsten Verteidiger des Alten eingedrungen. Etwas vom
Segen internationaler Arbeitsteilung verspürte man in der langen europäischen Friedens—
zeit und in der Ara des Eisenbahnbaues, der vorwärtsdringenden Groß- und Massen—
industrie überall. Die glänzende Aufschwungsperiode hatte überall den Druck fremder
Konkurrenz stark vermindert. Die klügsten Staatsmänner, Hardenberg, Huskisson, Peel,
Gladstone, Napoleon III., Cavour, der jüngere Bismarck (bis 1877) und Andrassy
standen nicht umsonst auf seiten des Freihandels. Fast die ganze europäische Wissenschaft
ebenso. Völkerrechtlich, verwaltungsrechtlich und volkswirtschaftlich waren die günstigen
Folgen des siegenden Freihandels schon früher, aber jedenfalls in der Zeit von 1850
bis 1870 mit Händen zu greifen. Suchen wir nach diesen drei Seiten hin die Folgen
noch etwas näher darzulegen.
1. a. Die Beziehungen der Staaten untereinander und das Völkerrecht, das sie
ordnete, waren im 19. Jahrhundert andere geworden als im 17. und 18. Die Idee
des Kampfes der Staaten untereinander trat nach und nach zurück, ebenso die Tendenz
der führenden Staaten auf eine gewaltsam zu erringende Welthandelsherrschaft. Frank—
reich mußte Derartiges 1814 —51815 ohnedies aufgeben. Großbritannien hatte in den
Kriegen von 1793—1815 seinen Kolonialbesitz sehr vermehrt, sein handelspolitisches
Uvergewicht sehr gesteigert. Aber eßs war nun 1818—1870 mit jseinen inneren Fragen
beschäftigt, trat nach außen friedlich, kosmopolitisch auf; es schien der kühnen aus—
würtigen Politik zu entsagen. Die frei gewordenen nordamerikanischen Kolonien und
die von Spanien und Portugal losgelöste mittel- und südamerikanische neue Staaten—
gesellschaft boten England in freiem Verkehr ein genügendes Feld des Absatzes. Ja, es
kamen bald die Tage der vom Freihandel beeinflußten politischen Lehre, daß die Kolonien
und die große Flotte überwiegend eine Last feien; man machte die vorangeschrittenen
Kolonien von 1840 an fast selbständig und rechnete auf die Tage, da England seiner