620 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. (1078
von 1872 die an Brasilien aus. Die im Frankfurter Friedensvertrag von 1871 ver—
abredete ewige Meistbegünstigung zwischen Frankreich und Deutschland bezieht sich nur
auf die künstigen Konzessionen, die beide Staaten sechs der wichtigsten europäischen
Staaten machen; neuerdings werden die Zollvereinsbildungen als von der Meist—
begünstigungsklausel nicht erreichbar bezeichnet.
Seit der neuen schutzzöllnerischen Strömung (von 1875 an) hat sich ein gewisses
steigendes Mißtrauen gegen die Meistbegünstigungsverträge ausgebildet, das sür
mancherlei Fälle nicht ohne Berechtigung ist. Wo Zwei Staaten sich formell die Meist—
begünstigung zugefichert haben, wovon der eine hohe, ja extreme Schutzzölle beibehält,
der andere seine Zölle nach und nach ermäßigt, muß sich der letztere übervorteilt fühlen.
Ebenso ist klar, daß die europäische Gewohnheit und Formulierung der Meistbegünstigung
von der amerikanischen, welche für jede künftige Konzession Gegenleistungen fordert, so
weit abweicht, daß Verträge auf dieser verschiedenen Basis nur schwer möglich find
und, wenn trotzdem ohne genaue Bestimmungen über das abweichende Princip geschlossen,
nur zu Hader und Streit führen müfsen. Wir kommen unten (S. 652) darauf zurück.
2. Wir sahen oben, daß die verwaltungsrechtliche Unfaͤhigkeit des Merkantil—
jystems wesentlich zu seinem Sturze beigetragen hat: die Korruption, der Schmuggel,
die Unbehülflichkeit der Tarife, die überwiegend nach dem Wert normierten, zu falschen
Deklarationen führenden Zölle, die Unvollkommenheit der Kontrollen, die Vestechlichkeit
der Behörden, all' das war bis Ende des 18. Jahrhunderts maßlos. Die zolltechnischen
Reformen Pitts, das französische Zollgesetz von 1791, das preußische von 1818 sind
die entscheidenden Wendepunkte zu einer besseren Zollverwaltung, zu geordneten über—
sichtlichen Tarifen, zum Siege der Gewichts- über die Wertzölle, zur Beseitigung des
maßlosen Schmuggels, zur Herstellung unbestechlicher Beamten, zur freien Bewegung
der Waren innerhalb der Staaten. Das einzelne dieser Fortschritte ist hier so wenig
darzustellen wie die heute noch vorhandene Rückständigkeit mancher Staaten in diesen
Punkten, oder die neueren Rückfaäͤlle in übermäßig komplizierte Tarife, in Wertzölle u. s. w.
Zu betonen ist nur, daß die meisten und erheblichsten dieser Fortschritte mil dem freien
Handel von 1783—-1875 zusammenhingen, aber auch unter der Rückkehr zu Schutzzöllen
seither im ganzen erhalten blieben.
3. Was war nun der wirtschaftliche Gesamteffekt dieser ganz außer⸗
ordentlichen Veränderungen in der internationalen Ordnung des Handels, wie sie ver⸗
einzelt schon früher, allgemein von 1840—1880 eintrat? Doch wohl, daß die örtliche
Teilung der Arbeit, die bisher auf enge Grenzen und auf gewisse Gegenden und
gewisse Waren beschränkt war, nun ganz andere Ausdehnung annahm; daß damit die
Großindustrie, der Massenverkehr, die Geldwirtschaft, die Konkurrenz viel stärker zunahmen
als in früheren Zeiten. Alle wirtschaftliche Produktion specialisierte sich mehr, paßte
sich den natürlichen und socialen Vorzügen der Gebiete und Länder mehr an; die Ge—
samtproduktion, die Bevölkerung, der Konsum konnte steigen wie früher lange nicht.
Die ganze wirtschaftliche Physiognomie der Gegenden, der Provinzen, der Staaten
differenzierte sich mehr. Jetzt erst entstanden Industriestaaten, die nicht bloß einige
wenige, sondern 30, ja 700/0 ihrer Lebensmittel aus der Fremde bezogen, Agrarstaaten,
die einen großen Teil ihrer Ernte ausführten; die Überlegenheit der reichen Gegenden
über die ärmeren mußte wachsen; vielfach nahmen aber auch die ärmeren so weit zu,
als ihre Natur und der Verkehr ihnen jetzt gewisse vorher begrenzte Erwerbsmöglich—
keiten erleichterte und vermehrte. J
Dagegen ist es nun natürlich eine große Übertreibung, wenn die Fanatiker des
Freihandels jedes Steigen des Konsums, der Bevölkerung, des Wohlstandes allein auf
den internationalen Frethandel zurückführen. Er hat nur im Verein mit den technischen
Verkehrsfortschritten und der Frachtenverbilligung so gewirkt. Eine Hauptursache der
Blüte der Landwirtschaft von 1840 1870 in vielen dändern war der Chaufsee⸗ und
Eisenbahnbau. Und von den interlokalen Fortschritten der Arbeilsteilung und ihrer
Produktivitätssteigerung fällt wohl ein gleicher, wahrscheinlich ein größerer und der
natürlichste, sicherste Teil nicht auf das Fallen der inmecnatigtalen, sondern der bis—