1081)] Die verschiedenen Ursachen des zunehmenden Handels. 623
und Grenzgestaltung der Staaten weist erhebliche Teile einzelner Länder auf stärkeren
Auslandsverkehr an als andere. Für alle Staaten, die sich ausdehnen, wie Preußen
1815, der Zollverein 1834 -1870, für alle Länder, deren innere Zollschranken fallen,
sommen längere Epochen, in denen ohne starke Zunahme des Außenhandels der Schwer⸗
ounkt auf der Zunahme des inneren Verkehrs liegt. Das Wachsen des Außenhandels
ist so stets ein sehr kompliziertes Ergebnis verschiedener Ursachen und nicht bloß von
zünstigen. Aber immerhin bleibt der Satz wahr, daß eine Zunahme eher auf Fort—
schritt, eine Stabilität oder Abnahme eher auf ungesunde wirtschaftliche Zustände
hzinweift.
In das komplizierte Spiel der Ursachen, die den Außenhandel beherrschen, greift
nun die jeweilige Handelspolitik als eine von vielen, häufig nicht als die wichtigste
ein. Stets ist der Bedarf fremder Ware und die Zahlungsfähigkeit der Nation resp.
die Möglichkeit, Gegenwerte zu beschaffen, das eigentlich Entscheidende für den inter—
nationalen Handel. Sind diese letzien rein wirtschaftlichen Ursachen stark vorhanden,
so wächst der Handel bedeutend auch bei Schutzzollsperre; und ein armes Land hat mit
Alem Freihandel keine große Aus- und Einfuhr. Großbritanniens Gesamthandel stieg
7871840 unter dem Sperrsystem von 84 auf 184 Mill. E, 1840- 1880 unter
— Der
franzoͤsische Handel nahm 18251860 zu von 954 auf 4174 Mill. Fres. (1:4), 1860
his 18860 anf 8301 (1: 2); wenn er dann bis 1900 nur auf 8807 Mill. Fres, stieg, so
ist immer die Frage, sind die Schutzzölle oder die wirtschaftlichen Bedarfsursachen die
Hauptsache. Natürlich übt aber jede freihändlerische Politik einen Reiz zur Zunahme,
oͤde schußzzöllnerische eine umgekehrte aus; und beide wirken auf die Art sowohl der
Produktion als des Verkehrs, also auf die einzelnen Zweige und Richtungen des inter—
Jationalen Handels. Das wissenschaftlich Bedeutungsvollste, was aus der Handels—
statistik fich für wirtschaftliche und handelspolitische Zwecke herauslesen läßt, ergiebt
sich also erst aus ihrem Detailstudium nach Handelsrichtungen und Warengattungen.
Doch hierauf hier einzugehen, fehlt der Raum.
Wir werden als Gesamtergebnis der obigen Zahlen nur sagen können: die
europäische Handelsstatistik zeigt 1800 —1840 einen mäßigen Fortschritt, der ebenso auf
den damaligen mäßigen Wohlftand und geringen Verkehr zurückgehen wird wie auf die
Schutzzölle; sie zeigt ein enormes Wachsstum von 1840 -1880, was mit der liberalen
Handelspolitik, aber wohl noch mehr mit andern Ursachen zusammenhängt; sie zeigt in
England und Frankreich 1880—1900 eine gewisse Stabilität, die nicht (edenfalls nicht
ür“ England) aus der Handelspolitik allein, sondern wesentlich auch aus andern Ur⸗
achen zu erklären ist; Rußland, die Vereinigten Staaten, Osterreich zeigen 1880—1900
Fortschritte, die trotz der höheren Schutzzölle erfolgen, die auf die Agrarausfuhr und
sonstiges Gedeihen zurückgehen; Deutschland zeigt eine sehr starke Zunahme seines
Außenhandels, fie ist also wenigstens durch seine Schutzzölle nicht gehindert worden; sie
beruht hauptsächlich auf seiner Kaufkraft für Rohstoffe, Kolonialwaren und Lebensmittel,
für die wir durch Industrie- und Kapitalexport, sowie durch unsere großen Reedereien
die Zahlung zu beschaffen imstande waren.
Wir haben dabei vorgegriffen auf die Zeit von 1875 - 1900. Ihre veränderte
Handelspolitik haben wir nun zu erklären. — Das Hauptverdienst der Freihandels—
heriode war die Milderung der älteren handelspolitischen Kämpfe, die völkerrechtliche
Frmöglichung eines großen internationalen Handels, wie die Weltgeschichte ihn bisher
nicht gekannt hat. In diese Bewegung kommt nun ein gewisser Stillstand, es folgt
eine neue Zeit stärkerer Kämpfe, die aber doch wesentlich anderer Natur sind als die
des 17. und 18. Jahrhunderts.
266. Die Rückkehr Rußlands und der Vereinigten Staaten zum
Hochschutzfystem im leßten Viertel des 19. Jahrhunderts. Von 1780
dis 1875 waren die freihändlerischen Gedanken im Vordringen gewesen, von 1875 bis
heute führen sie bald kümmerliche, vald wirkungsvolle Rückzugsgefechte. Eine neue Epoche
des Schutzzolles, ja des Merkantilismus beherrscht die Welt. Bei aller wirtschaftlichen