632 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [1090
Osterreich-Ungarn hat sich, als seine besondere differentielle Begünstigung in
Deutschland (1884-1865) durch die westeuropäischen Meistbegünstigungsverträge des
Zollvereins in die Brüche ging, durch seine Handelsverträge 18686—1869 überstürzt
der Freihandelsbewegung angeschlossen. Das Getreideexportbedürfnis Ungarns und der
dortige landwirtschaftliche Aufschwung drängten dazu. Die starke allgemeine Ermäßigung
der Industriezölle brachte 1867 51875 die Vernichtung vieler rückständiger gewerbuücher
Unternehmungen, die freilich zugleich aufrüttelnd waͤkte, zum technischen Fortschritt,
zur Specialisierung hinführte. Diese Vorgänge und die Krifis von 1878 an erzeugten
aber zugleich den handelspolitischen Umschlag. Osterreich kündigte schon 1876 die Handels⸗
verträge; das Zollgesetz vom 27. Juni 1878 erhöhte 87 Artiket, hauptfächlich Garne
und Gewebe, erheblich und alle um 1300 durch die Goldzollzahlung, drohte den nicht—
meistbegünstigten Staaten mit 100/0 Zuschlag; die Ungarn wurden aus Freihändlern
mehr und mehr agrarische Schutzzöllner, doch setzten sie diesmal noch keine Getreide—
und Mehlzölle gegen den konkurrierenden Osten durch. Diese österreichische autonome
Aktion war das Signal für eine starke handelspolitische Verstimmung zwischen Hsterreich
und Deutschland, die von 1876—1890 dauerte, oft dem Zollkrieg nahe war; er wurde
nur kümmerlich durch stete Verlängerung der Meistbegünstigung vermieden. Es fehlte
infolge der schutzzöllnerisch wachsenden Streitlust in Berlin und Wien das Verständnis
und die Fähigkeit, die im ganzen doch kleinen Differenzen durch einen billigen Vergleich,
oder was damals noch leichter als heute möglich war, durch eine Zollunion zu über—
brücken. Der deutsche Tarif von 1879 wurde für Osterreich der Anlaß zu dem viel
höheren Tgrif von 1882 mit seinen Vieh- und Getreidezöllen, mit seiner Absicht, allen
Hamburg⸗Hsterreichischen Handel nach Fiume und Triest zu verlegen. Und als Deutsch⸗
land mit einigen Erhöhungen folgte, kam es zum österreichischen Tarif von 1887, der
weit über das Maß des von den Beteiligten selbst Geforderten hinausging, von den
Ungarn wohl nur als vorübergehender Schreckschuß gegen Deutschland, geplant war.
Alle agrarischen und industriellen Produkte waren stark erhöht. Diesen Übertreibungen
wurde durch den Dezembervertrag mit Deutschland 1891 ein Ziel gesetzt; da dieser
Vertrag aber im ganzen an dem System nicht allzuviel änderte, er hauptfächlich nur
weitere Erhöhungen bis 1903 verbot, so blieb der überhohe specialisierte, alles schützende
Tarif bis heute bestehen, erzeugte wohl eine starke industrielle Gründung, aber auch
Zollkriege und Spannung mit den östlichen Nachbarn, auf deren Handel und Versorgung
das Reich besonders angewiesen ist. Bei der heutigen Vorbereitung neuer Verträge
(1900- 1908) ist man in Ungarn und Osterreich schutzzöllnerischer als je. Und die
beiden staatsrechtlich selbständigen Hälften des Reiches stehen sich feindlich gegenüber;
Ungarn will sehr hohe Agrarzoölle, die den Handelsvertrag mit Rumänien unmöglich
machen, und deren Belastung fast nur Hsterreich, nicht Ungarn trifft; HÖsterreich will
seine neue Industrie auch künftig durch hohe Industriezölle schützen, aber Ungarn sucht
den Verbrauch österreichischer Fabrikate in Ungarn indirekt trotz der Zolleinheit zu
hindern, weil es selbst eine ungarische Industrie schaffen will.
Die kleine Schweiz kam mit ihrer entwickelten Industrie und ihren minimalen
Zöllen von 1851 durch die Zollsysteme ihrer Nachbarn in eine recht peinliche Lage,
bis es ihr gelang, erst mit Sardinien 1881, dann mit Frankreich 1865, mit Italien
und Hsterreich 1868, mit Deutschland 1869 liberale Handelsverträge abzuschließen. Ein
günstiger Wellenschlag der europäischen Handelspolitik hatte der Schweiz so ein Treib⸗—
holz zugeführt, das sie froh war, 1868 - 1869 auf dem Trocknen zu fehen (Frey).
Das folgende Jahrzehnt verlangte höhere Einnahmen; ein erhöhter Tarifentwurs, der
noch nicht Gesetz war, wurde 1878 1882 zur Erneuerung der Verträge, die unendlich
viel Schwierigkeiten machten, benutzt. Von 18821887 dauerte die Bewegung, die
auf wesentliche Zollerhöhung für Lebensmittel, Vieh, gewerbliche Erzeugnifse, haupt—
sächlich aber darauf gerichtet war, durch die Erhöhungen und die damit möglichen Kon—
zessionen zu guten Verträgen zu kommen: der Tarif vom 16. Dezember 1887 ermög—
lichte aber nur Verlängerungen der Verträge bis 1892. Für die wichtigen neuen
Verträge von 1801 1898 warde der Tarif nochmals wesentlich erhöht (10. April 1891),