091) Neueste Handelspolitik sterreichs, der Schweiz, Skandinaviens. 633
obwohl die Einsichtigen klar sahen, daß die großen schweizerischen Industrien keinen
Schutz brauchen, die Agrarzölle das Leben verteuern, nur große Länder heute vernünftige
Schußzollpolitik treiben können. Aber die Bauern und Handwerker forderten die Schutz—
sölle, und die klugen Lenker der schweizerischen Politik benutzten den „Trutz⸗ und
— F Ausland. Deutschland mußte
wegen dieses Tarifs von 1892 an viel höhere Zölle im Durchschnitt in der Schweiz
bezahlen als vorher, mit Frankreich entstand durch denselben der schon erwähnte Zoll—
crieg 1892 — 1896. Die deutsch-schweizerische Aus- und Einfuhr ist trotzdem gestiegen;
fie deirug 1888 286, 1800 368, 1805 368, 1900 462 Mill. Mk. Mäßige Zoll—
erhöhungen wie die schweizerischen von 1887-1892 überwindet eben die Kraft, die in
der wirtschaftlichen Entwickelung an sich liegt.
In Schweden wurden die zahlreichen Aus- und Einfuhrverbote 1824 verringert
und zugleich die zollpolitische Verschmelzung mit Norwegen angebahnt; 1817 51858
ging man zum Freihandel über; 1879 —1880 erhöhte man die Finanzzölle, 1888 kamen
die agrarischen und gewerblichen Schutzzölle; ein harter Kampf vor allem der Bauern
gegen die freie Handelspolitik hat den Umschwung herbeigeführt; nur noch gewisse
Handelskreise und Arbeiter vertreten den Freihandel. Belgien ist seiner Größe und
—E Industrieentwickelung erleichterte
ihm den Übergang zu einer liberalen Handelspolitik 183121861, die 1870 - 1881
vllendet wurde. Der Tarif vom 8. Mai 1881 war aber schon gegen 1861 erhöht,
1887 kam mit den ultramontanen Ministern ein agrarisch-industrieller Schutztarif, der
aber immer nur Zölle von 10—150/0, vereinzelt bis 200/0 brachte.
Wichtiger für das allgemeine Interesse ist die Veränderung in der Handelspolitik
der beiden specifischen Freihandelsländer Deutschland und England. Wir bleiben zunächst
beim ersten stehen.
b Wir sahen oben, daß die Hinwendung des neuen deutschen Reiches zum
Freihandel ebenso sehr politischen als wirtschaftlichen Ursachen zu danken war. Bismarck
regierte 1867 — 1876 mit den Liberalen gegen die Ultramontanen und die Konfservativen.
Seine finanziellen Gehülfen standen nicht voll auf der Höhe; die Leiter der Reichs⸗ und
der preußischen Finanzen vertrauten 1867 — 1877 zu sehr guf die guten Jahre, keine
erhebliche Reform und Einnahmesteigerung fand statt. Die Uberführung der französischen
Milliarden-Kontribution nach Deutschland wurde ungeschickt gemacht, steigerte die UÜber—
spekulation 1871 -1873 und die Krise von 1873. Die lange nun folgende Depression
überschwemmte Deutschland mit fremden, hauptsächlich englischen Waren; die Erhöhung
der Eisenbahnfrachten von 20*/0 unmittelbar nach Ausbruch der Krise war ein ebenso
großer Fehler wie die Herabsetzung der Eisenzölle von 1878 —1877. Die freihändlerische
Reichstagsmajorität war unfähig, die wirtschaftliche Lage richtig zu beurteilen.
Die Gegenmächte organisierten fich; 1876 entstand der Centralverband deutscher
Industrieller, in dem die schuzzoͤllnerijschen Spinner und großen Eisenhüttenwerke vor—
herrschten. Der Rückgang des deutschen Lebensmittelexportes nach England und die
Dende Getreidekonkurrenz machte einen steigenden Teil der Rittergutsbesitzer zu Schutz-
zöllnern. Der Liberalismus war im ganzen 1878 —1880 im Rückgang. Die Auf-—
afsung von den wirtschaftlichen Aufgaben des Staates wurde durch die Erfolge der
deutschen Politik und die Wandelung in der deutschen Staatswissenschaft eine wesentlich
andere. Das Rationalgefühl hatte sich gesteigert; man wollte sich handelspolitisch
hom Auslande nicht mehr alles so gefallen lafsen wie in den Tagen des Zollvereins.
In Bismarcks Personlichkeit führte die Mißstimmung über die handelspolitischen
Übergriffe und Vorstöße des Auslandes, Hsterreichs, Frankreichs, Rußlands zunächst zum
Wunsche nach gewissen Handhaben der Retorsion; zweimal schlug der Reichstag einen
Wesehesentwurf über Ausgleichsabgaben fälschlicher Weise ab, ebenso die Vertagung der
Fisenzollaufhebung (gegen die freilich auch die Minister Camphausen und Achenbach
waren). Der Rucktritt Delbrücks (Mai 1876), des talentvollsten Vertreters des Frei—
„andels in der Regierung, von seiner Stellung als Präsident des Reichsamtes des
Innern nötigte Bismarck, sich mehr um die Handels- und Finanzpolitik zu kümmern;