534 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. (1092
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er ließ Reichssteuerprojekte aufstellen (1877), verhandelte mit Bennigsen über sie und
dessen Eintritt in die Regierung, was, wenn gelungen, einen Kompromiß mit der alten
Wirtschaftspolitik bedeutet hätte. Bennigsen und der Reichstag versagten (Ende 1877,
Anfang 1878), der preußische Finanzminister Camphausen, ebenfalls Freihändler, trat
auch zurück. Bismarck ging nun mit einem neuen Reichstag, in welchem die Schutz-
zöllner sehr verstärkt waren, energisch auf sein Doppelziel der Reichsfinanz- und Tarif⸗
reform los. Eine Enquete über die Textil- und über die Eisenindustrie sollte das
Material für den Umschwung beschaffen. Noch im Oktober 1878 erklärte Bismarck,
nur eine Erhöhung des Tarises werde neuen Verhandlungen mit dem Auslande Erfolg
verschaffen; eine Preiserhöhung werde bei den geringen Zollerhöhungen nicht eintreten;
aber das Konsumenteninteresse dürfe nicht mehr allein entscheiden, das Produzenten⸗
interesse sei wichtiger. Erst nach und nach wurde Bismarck aus einem Retorsions- ein
Schutzzöllner. Der neue, mit unzweifelhafter Mäßigung nach einem Entwurf des Central⸗
verbandes deutscher Industrieller von einer Specialkommission hergestellte Tarifentwurf
nebst Zollgesetz gelangte mit 836 gegen 217 Stimmen zur Verabschiedung.
Das Zollgesetz vom 15. Juli 1879 enthielt trotz seiner Neigung zu allgemeiner
Zollpflicht keine Zölle auf die Rohstoffe Baumwolle, Flachs, Hanf, Wolle, Kohle, Häute,
nur sehr geringe Getreidezolle (1 Mk. für 100 ks Weizen und Roggen) und sehr mäßige
Viehzölle, einen Roheisenzoll von 1Mk. (wie bis 1870); Eisenhalbfabrikate zahlten
2—2,50, Eisenwaren 7,850—15 Mk., Maschinen 358 Mk.; die Garne und Gewebe
wurden mehr als bisher specialisiert und in den feinen Nummern erhöht, im ganzen
betrugen sie aber nicht über 135—300/0, die Finanzzölle 30—750/0 des Wertes; ein
Kampfzollparagraph gab die Erlaubnis der Erhöhung bis aufs Doppelte bei deutscher
Benachteiligung. Mancherlei Erhöhungen hatte der Tarif auch in Deutschland durch die
feilschenden Parteien erfahren. Konservative und Zentrum hatten entschieden; aber im
ganzen hatte auch Bennigsen zugestimmt, der Tarif blieb ein mäßiger Schutztarif, weit
unter dem der meisten Nachbarstaaten. Die Erhöhungen 1885 und 1887 bezogen sich
hauptsächlich auf Holz und Getreide (letzteres auf ß8 und 5 Mk. pro 100 kg), waren
Antworten auf die österreichisch-ungarischen und russischen Erhöhungen, wenn die
offiziellen Motive das auch nicht aussprachen.
Die Freihändler und noch mehr das Ausland klagten heftig über die deutsche
Veränderung der Handelspolitik; sie war im ganzen doch richtig. Sie sicherte der
deutschen Produktion den damals bedrohten inneren Markt; sie hob die deutschen Zoll—
einnahmen 1877—-1890 von 1038 auf 857 Mill. Mk. Auch ihr Gegner Schäffle giebt
zu, daß sie eine gewisse erziehende, kompensierende, krisenmildernde Wirkung gehabt habe.
Die Getreide- und Lebensmittelpreise stiegen unter den neuen Zöllen bis 1887 kaum,
erst von da an etwas, aber nicht ganz um den Betrag der Zölle. Die Tonne Weizen
kostete 1860-1880 in Preußen 328 Mk., 1881 -1890 174 (Conrad); die Tonne
Roggen 1870-1879 169, 1880-1889 154 Mk. (Dade). Von einer Verteuerung des
Lebens war also nicht die Rede, sondern nur von einer kleinen Ermäßigung des Preis—
sturzes, wie sie für die Landwirtschaft notwendig war. Der Tarif, wie er 1879 bis
1892 beschaffen war, wollte seinen Schutz zu sehr allen Zweigen der Volkswirtschaft
angedeihen lassen. Einen wesentlichen Aufschwung nahmen 1877-1892 doch nur die
zroßen Hauptindustrien, die in Deutschland längst entwickelt, besondere Vorzüge hatten.
Diese organisierten sich unter dem Zollschutze zu Vereinen und Kartellen, stärkten dadurch
ihre Stellung, fingen an Ausfuhrprämien an die Mitglieder der Verbände zu zahlen.
Die Fabrikatenaussuhr litt 1880 1890 nicht gerade unter dem erhöhten Tarife, aber
sie nahm doch auch nicht erheblich zu, wesentlich weil überall die Zollschranken stiegen
und Deutschland nicht, wie man 1879 wohl erwartet hatte, den neuen Tarif zu
neuen einschneidenden Tarifsverträgen benutzte. Man begnügte sich, mehr und mehr
ohne Gegengabe als meistbegünstigter Staat an den Tarifverträgen anderer Staaten,
hauptfächlich Frankreichs, teil zu nehmen, selbst nur Meistbegünstigungsverträge oder
jsolcheImit kleinen Tarifkonzessionen, z. B. in Finanzzöllen zu schließen. Bei Bismarck
rabhm die Neigunga, die Zollpolitik ganz autonom zu behandeln, zu, ebenso die, die