10931 Die deutsche Handelspolitik 1878-1892. 635
Retorsionen hauptsächlich gegen Rußland und Hsterreich zu steigern, sie durch andere
unfreundliche Maßregeln (Paßzwang, Nichtbeleihung russischer Papiere bei der Reichs—
bauk) immer härler zu gestallen. Freilich gelang Bismarcks Staatskunst dabei das
scheinbar Unmögliche, nämlich trotz der steigenden handelspolitischen Nadelstiche, die er
ihnen versetzte wie sie uns, den von Rußland seit 1887 drohenden Krieg abzuwenden,
jaͤ in leidlichen allgemeinen politischen Beziehungen zu Rußland zu bleiben. Dazu
proklamierte er seine kühne, nachher von platten Nachtretern oft wiederholte Theorie,
daß man stets die allgemeinen und die handelspolitischen Beziehungen der Staaten
untereinander ganz getrennt behandeln müsse. Nur den größten Staatsmännern wird
Derartiges vorübergehend in Ausnahmefällen gelingen. Fuͤr gewöhnlich geht allgemeine
und Handelspolitik Hand in Hand; in den meisten Fällen hat auch Bismarck
die Haͤndelspolitik als Mittel der allgemeinen Volitik verwandt, iene dieser unter—
geordnet.
In die letzten 10— 11 Jahre der Bismarchschen Regierung fallen auch einige weitere
Thatsachen von großer handelspolitischer Bedeutung, hauptsächlich der Erw erb deutscher
Kolonien und die Förderung der großen deutschen Dampfschiffahrtslinien durch
staatliche Subventionen sowie die Verstaatlichung der Eisenbahnen. Die beiden
ersten Maßregeln hängen zusammen; beide waren Abwendungen von seinem früheren
Standpunkte. Dem Erwerb von Kolonien war er so lange abgeneigt, als er annahm,
die Deutschen würden infolge der liberalen internationalen Verträge überall, hauptsächlich
in den englischen Kolonien, wirklich gleich behandelt. Als er immer wieder erfuhr,
daß die Gleichheit mehr nur formelles Recht als materielle Gleichstellung bedeute, trat
er für den Kolonialerwerb ein. Die Unterstützung der Dampferlinien sollte in erster
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Ansehen der deutschen Kaufleute auf der ganzen Erde dienen. Beide Maßregeln ent—
sprangen der Einsicht, daß die großen Wege des Handels nicht zu beschreiten sind,
wenn nicht die staatliche Macht mithilft, im Hintergrunde steht. Die Eisenbahnver—
staatlichung giebt der Gesamtheit die Tarifpolitik in die Hand, welche heute ein ebenso
einschneidendes Mittel der Förderung und Hemmung aller Produktionszweige ist wie
die eigentliche Handelspolitik.
Bismärcks Handelspolitik von 1879 -51890 war im ganzen eine notwendige
und heilsame Wendung. Aber er hatte seit 1885 zu sehr den Kampfgedanken des alten
Merkantilismus in sie hineingetragen, und als er abging in dem Moment, da es sich
um eine Erneuerung aller Handelsverträge handelte, hinterließ er deshalb eine für
Deutschland peinliche und schwierige handelspolitische Lage. Die meisten Nachbarn
waren über Deutschlands Handelspolitik seit Jahren entrüstet, am meisten Rußland,
Sfterreich und Frankreich. Frankreich kündigte für den 1. Februar 1892 alle seine
Verträge, wesentlich aus Mißstimmung darüber, daß Deutschland auf Grund seiner
ewigen Meistbegünstigung ohne Gegengabe an alien französischen Verträgen mit anderen
Staͤaten teilnahm. Auch die anderen Staaten kündigten und erhöhten ihre Tarife.
Deutschlund stand vor der Gefahr, am 1. Februar 1892 in den meisten Staaten hohen
Generaltarifen zu begegnen, seine ziemlich stabile Ausfuhr vielleicht zu einem großen
Teil zu verlieren. Allerwärts im Ausland hieß es, die autonome deutsche Handelspolitik
wolle ohne Bezahlung an fremden Tischen mitessen, das müsse aufhören.
Deutschland unter Kaiser Wilhelm II. und Caprivi entschloß sich rasch, mit der
Zollautonomie zu brechen, an die Spitze des europäischen Handelsvertragssystems zu
treten, so wie es 1860 und 1881 Frankreich gethan, wieder Meistbegünstigungsverträge
mit Tarifkonzefsionen und Tarifbindung auf 12 Jahre zu schließen, zunächst mit
Osterreich Ungarn, Italien, der Schweiz und Belgien, dann mit Rumänien, Serbien,
Spanien, zuletzt auch mit Rußland und den Vereinigten Staaten (1891 -1894). Nur
so war dem drohenden allgemeinen europäischen Zollkrieg zu begegnen, war aus der
allgemeinen andauernden gegenseitigen Schutzzollsteigerung, die allen internationalen Handel
bedrohte, herauszukommen. Im Hintergrunde stand sogar 1890 - 1891 der Gedanke eines
mittelkeutopäischen Zollvereins, der bei Fürsten, Staatsmännern, Politikern ver—