642 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. /1100
in der ersten Freude über die Möglichkeit solch' staatlicher Aktion weit überschätzt; es
war ein Versuch vielfach mit untauglichen, vielfach mit zu groben, zu ungerechten
Mitteln, mit einer viel zu unvollkommenen Verwaltungsmaschinerie. Daher der Rück—
ichlag zur harmonistischen Naturlehre der Volkswirtschaft, die alle staatliche Handels—
politik verurteilte, alle Beziehungen der Volkswirtschaften untereinander dem ganz
reien Spiel der natürlichen Kräfte überlassen wollte. Daraus ging die Episode des
fiegenden Freihandels in der Friedenszeit des 19. Jahrhunderts, hauptsächlich 1840
bis 1875, hervor. Der Freihandel hat das Völkerrecht, soweit es den Handel beherrscht,
unendlich verbessert; er hat die natürliche und gesunde Arbeitsteilung der Nationen
befördert; er hat den elementaren Wirtschaftskräften, die in gewissen Grundzügen durch
deine Politik zu ändern sind, ihr Recht zurückgegeben. Aber er mußte wieder einer
elbstbewußten aktiven Handelspolitik der Staaten Platz machen, als die Friedenszeit einer
neuen Kampfzeit gewichen war, als eine neue Epoche der Staaten- und Weltreichs—
zildung, als die Zeit der Aufteilung Afrikas, Asiens, des spanischen Westindiens ge—
'ommen war, als eine ganz andere, die schwächeren und zurückgebliebenen Staaten be—
drohende Konkurrenz und Verkehrsentwickelung einsetzte, als eine Reihe neuer Macht—
nittel, wie Eisenbahnpolitik, Kartelle, Trusts, Schiffahrtsorganisationen und Prämien
ür den internationalen Wirtschaftskampf entstanden. Da trieb das unvertilgbare Gefühl
des staatlichen Egoismus zu neuer Machtbenutzung, zur solidarischen Anwendung der
zeeinigten nationalen Wirtschaftskräfte. Die neuen größten Staatsbildungen (Rußland
und Amerika) stürzten sich naiv und brutal fast ganz wieder in die Bahnen des alten
Merkantilismus, schon ihre Finanzen nötigten sie dazu, nicht minder ihr überquellendes
Kraftgefühl. Alte Kulturstaaten, wie Spanien und Frankreich, suchten, vom Stoß der
Weltkonkurrenz bedroht, Schutz hinter erhöhten Zollmauern. Die anderen Staaten
zuchen die Mitte zu halten; die jungen Agrarstaaten wollen durch Schutzzoll sich In—
dustrie schaffen. England will sich halb zum Schutzzoll und halb zur merkantilistischen
Kolonialbegünstigung zurückwenden, weil es seine Welthandelsstellung bedroht fühlt, diese
um jeden Preis verteidigen will.
Der Unterschied der Handelspolitik der einzelnen Staaten seit dem letzten Menschen—
alter beruht 1. auf den verschiedenen geographisch-natürlichen Grundlagen, auf Größe,
Boden, Klima und Meereslage, 2. auf der wirtschaftshistorischen Stufe der Entwickelung,
3. auf der Handelspolitik ihrer Nachbarn und auf den bestehenden Handelsbeziehungen
zu denselben, 4. auf dem Maß, in dem die neumerkantilistische Ideenströmung das
einzelne Volk erfaßt, 5. auf den Verfassungszuständen, der Geschicklichkeit der Partei—
sührer und Staatsmänner, 6. auf der Macht, über die der einzelne Staat verfügt, und
der nationalen Neigung, sie maßvoll oder übertrieben zu gebrauchen.
Die heutige handelspolitische Strbömung im ganzen ist so natürlich und
innerhalb gewisser Grenzen so heilsam wie einst die merkantilistische und dann die
freihändlerische. Sie ruht auf den neuesten großen Machtverschiebungen und den neuen
Ldebensinterefsen der heutigen Staaten. Man muß nur hoffen, die Kulturnationen
zätten, nachdem sie die Übertreibungen, Mißgriffe und Kehrseiten sowie die Schranken
der beiden älteren Systeme erlebt haben, heute aus der Vergangenheit so viel gelernt,
daß fie die früheren Fehler meiden. Bis auf einen gewissen Grad ist dies auch ohne
Zweisel der Fall. Sperrungen, Ein- und Ausfuhrverbote, Kolonialmißhandlung und
Handelskriege wie 16001815 werden heute nicht mehr leicht vorkommen. Das Handels—
vertragssystem, das 1860 — 1900 entstand, kann keine heutige UÜberspannung der Autonomie
vieder beseitigen. Der heutige Welthandel kann nicht wieder tot gemacht werden, durch
ein Sperrsystem der Welt. Die englischen Kolonien mit Schutzzöllen beginnen schon
wieder etwas, ihre Zollmauern zu ermäßigen. Deutschland hat 18891 —1894 den extremen
Zollleidenschaften ein gewisses Maß geboten und wird es hoffentlich durch seine neuen
Verträge wieder thun. In den Vereinigten Staaten regen sich mit den wachsenden
Erportinteressen die Neigungen zu billigen Verträgen mit dem Ausland. Rußland hat
pum 8* Mal 1894 zu Handelsverträgen mit Tarifermäßigung und Bindung sich
emnf.