1103) Der theoretische Kampf um Agrar- und Industriestaat. 645
schreitende; er beseitige die Grundrente und alle Monopole. Und doch hat kein Land
seit 1860 solche Grundrentenbildung und solche gewerbliche Monopole (die Trusts)
erlebt wie die Vereinigten Staaten. Diese amerikanischen monopolistischen Riesen—
organifationen sind ja gerade eine der Ursachen, daß die europäischen Staaten, die keine fo
großen und starken Monopolorganisationen haben, sich durch Zölle gegen ihre Schleuder—
preise und riesenhaften Spekulationen und Marktüberführungen schützen müssen.
d. Hat sich so der theoretische Streit in der Handelspolitik vielfach in den alten
Geleisen ziemlich unfruchtbar und einflußlos bewegt, so hat er größere wissenschaftliche
und praktische Bedeutung, ja einen großen Stil durch die Kontroversfe „Industrie- oder
Agrarstaat“ in Deutschland erhalten. Oldenberg hat zuerst in umfassender Weise und
im Anschluß an die Statistik der deutschen Berufszählungen die Frage aufgeworfen, ob
es richtig sei, daß so viele Staaten sich heute in die Bahnen des überwiegenden Induftrie—
staates stürzen, die England seit 1840, Deutschland neuerdings verfolge: eine rasch
wachsende Bevölkerung, die zu 60—7000 (wie in England) auswärtiger Nahrungsmittel
bedürse und diese nur durch steigenden Fabrikaten-, Kohlen-, Kapitalerport dezahlen
könne, riskire große politische und wirtschaftliche Gefahren; durch gleichzeitige Sperren
der rufsischen und nordamerikanischen Zufuhr könne Großbritannien ohne Schwertstreich
ausgehungert werden. Es sei vor allem die Frage, wie lange eine solche Industrie—
staalsentwickelung sich fortfetzen könne. Die Nahrungsmittelstaaten würden über kurz
oder lang keinen Nahrungsüberschuß mehr haben, sich bald auch nicht mehr in Fabrikaten
zahlen lassen; früher seien sie als Schuldnerstaaten in Abhängigkeit von den kapital—
starken gewerblichen Gläubigerstaaten gewesen; das Verhältnis werde sich mit der Zeit
umdrehen, unter Umständen würden die Agrarstaaten ihre Schulden gegen die Industrie—
staaten kassieren, zuletzt sie mit Abhängigkeit und Ruin bedrohen. Deutschland dürfe
nicht denselben falschen Weg gehen wie Großbritannien; es müßie bei Zeiten umkehren,
seine Landwirtschaft erhalten, in seiner Steigerung der Exportindustrie Maß halten. Die
Zeichen des Industriestaates seien Verarmung des Gemütslebens, immer ungleichere
Verteilung der Güter, Unmöglichkeit, dauernd eine gesunde Socialpolitik zu treiben,
einseitige Herrschaft des Kapitals, ungesunde Bevölkerungssteigerung und »anhäufung
in den Städten und Industriebezirken.
Diese mit Geist und pessimistischer Ubertreibung vorgetragenen Gedanken fanden bei
Ballod, P. Voigt, A. Wagner, Pohle und anderen teils modifizierte Zustimmung, teils weitere
Ausführung; die praktische Folgerung, die Oldenberg übrigens ganz zurückgestellt hatte,
war in der Hauptsache die Forderung ausgiebiger ja hoher Agrarzölle, Hemmung der
starken Industriezunahme und des Arbeiterabflusses nach den Städten und Gewerbe—
centren. Brentano, Dietzel, Huber, Helfferich, Alfred Weber, Fr. Naumann traten der
Thatjsachenschilderung wie den Folgerungen entgegen, fuchten zu zeigen, daß die Gefahren
nicht bestünden, daß in den nächsten Generationen die Industriestaaten immer leicht
fremdes Brot und auswärtige Märkte für ihre Manufakte fänden, daß eine möglichsie
Steigerung der internationalen Arbeitsteilung gerade in dem Sinne „Brot gegen
Fabrikate“ den Reichtum aller am besten steigere, keine einseitige, sondern nur stets
gegenseitige Abhängigkeit erzeuge.
Auf beiden Seiten wurde mit großen Gesichtspunkten und mit einem breiten
Thatsfachenmaterial gekämpft. Der Streit hat nach allen Seiten aufklärend gewirkt.
Man hat sich nach den ersten gegenseitigen Übertreibungen vielfach genähert. Die Ver—
teidiger der Agrarzölle versichern jetzt, daß sie Deutschland nicht zum reinen Agrarstaat
zurückschrauben wollen, die des Industriestaates, daß sie mäßige Agrarzölle, wie bisher,
nicht verwerfen. Der Erfolg der Streitschriften ist eine Untersuchung der Parallel⸗
bewegung der Berufsstatistik und der Handelsverschiebungen, eine genauere Prüjung der
Exportindustrien, ob sie gesund oder ungesund seien, eine Erörterung darüber, ob an die
Stelle des Handels nach der Formel „Fabrikate gegen Nahrungsmittel“ nicht vielmehr
ein solcher treten könne nach der Formel „Fabrikate gegen Fabrikate, Nahrungsmittel
gegen Nahrungsmittel“. Man hat ganz anders als bisher auf genauer geographisch—
volkswirtschaftlicher Basis und mit Zugrundelegung der einzelnen Industrie- und Land—