Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

648 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. —[11106 
sichaftlichen Spannung zu Nachbarn und Konkurrenten und damit neue Versuche teils 
des Abschlusses, teils des Aufschlusses. Jede Neugestaltung im Sinne abschließender 
Maßregeln (Erschwerung der Fremdenzulassung, Schiffahrtsgesetze, Einfuhrverbote, Schutz⸗ 
zölle) wird wesentlich dann auf einen gewissen Erfolg rechnen können, wenn sie als 
Blied eines politischen, geistigen, technisch-wirtschaftlichen Aufschwunges einsetzt, den wirt— 
chaftlichen Mitteln, der Macht des Gemeinwesens angepaßt ist. Sie wird leicht versagen, 
wenn diese Begleiturfachen und Voraussetzungen ganz oder teilweise fehlen. Die Ein— 
schränkung bisheriger Abschlußmaßregeln (freiere Fremden-, Schiffs-, Warenzulassung) 
wird immer wieder angezeigt sein, wenn ein Staat bereits einen Aufschwung erreicht 
hat und sich den Nachbarn gleich oder überlegen fühlt, wenigstens durch freien Verkehr 
mehr eine belebende Konkurrenz als wirtschaftliche oder politische Abhängigkeit, Ver— 
ichuldung, Ausbeutung, den Verlust unentbehrlicher Produktions- und Handelszweige 
zu fürchten hat; er wird zu solcher Politik vor allem dann greifen, wenn der Absatz 
im Inland zu enge wird, Versorgung mit gewissen Waren von außen nötig erscheint. 
Jedes Aufsteigen und jeder Niedergang der Staaten und Volkswirtschaften kann 
so zu Anderungen in der Handelspolitik führen. Neben den Erziehungs- sind Krisen-, 
Ausgleichs-, Retorsionszölle, Zölle zum Schutze stabiler und leidender Volkswirtschaften 
und Wirtschafstszweige unter Umständen angezeigt. Die Wirksamkeit aller mehr be— 
schränkenden und aller mehr liberalen Maßregeln hängt in erster Linie von der richtigen 
Schätzung und Erfafsung der heimischen Kräfte und der auswärtigen Gegenkräfte ab. 
Nicht Freihandel oder Schutzzoll ist zu tadeln, sondern schlecht eingerichteter und falsch 
angewandter Freihandel und Schutzzoll. Meist ist und war in neueren Zeiten ein 
Kompromiß beider Systeme nötig. Kein moderner Staat hat je absoluten Freihandel 
gehabt, keiner sperrt sich ganz ab. Die Mittel der Handelspolitik verbessern sich, ver— 
seinern sich, humanisieren sich. Früher mehr von vorherrschenden Einzel- und Klassen— 
interessen einseitig beeinflußt, kommen sie nach und nach unter die Herrschaft der Ge— 
samtinteressen, unter die Kontrolle einer gerechten Regierung, einer weitblickenden Welt— 
kenntnis und Wissenschaft, einer starken öffentlichen Meinung, wenn auch immer wieder 
die egoistischen Klasseninteressen durch ihre Organisation allen Einfluß an sich reißen 
möchten. So thun es heute die Trusts, die Kartelle, die Interessenverbände, die gewiß 
an sich berechtigt und heilsam sind, aber nur segensreich wirken, wenn eine starke Re— 
gierung sie im Zaum hält, und nicht eine schwache von ihnen sich leiten läßt. 
Eine gute Handelspolitik setzt mehr und mehr auch voraus, daß der Einzelstaat 
nicht bloß sein egoistisches Interesse mit übertreibender Leidenschaft verfolge, jede augen— 
blickliche Machtüberlegenheit benutze; der einzelne Staat muß sich als Glied der Staaten— 
gesellschaft fühlen, auf deren friedlichem Verkehr auch die größte einzelne Volkswirtschaft 
ruht. Gewiß bergen alle internationalen Wirtschaftsbeziehungen nationale Interessen— 
kämpfe in sich, aus denen unter Umständen Kriege, Grenzverschiebungen, Eroberungen, 
Gewalt, Kontributionen, Zerstörungen hervorgehen. Aber auch diese Gewaltmittel können 
gerecht, vernünftig und maßvoll oder ungerecht und brutal angewandt werden, und im 
letzteren Falle schaden sie leicht dem Sieger ebenso oder noch mehr als dem Besiegten. 
Und jedenfalls ruht der regelmäßige heutige internationale Verkehr auf einem humani— 
sierten Völkerrecht, auf friedlichem und gerechtem Austausch, der beiden Teilen nutzen 
kann und nutzen soll. 
Über die Art, wie heute die fortschreitende Wissenschaft, die Verbesserung der 
Gesellschafts- und Staatsverfassung sowie die des Völkerrechts und der Handelsverträge 
auf eine richtige Handelspolitik einwirken können, sind noch ein paar Worte zu sagen. 
—ADDD— 
die eigentlich wissenschaftlichen Untersuchungen haben heute für die Handelspolitik einen 
ganz anderen festeren Boden geschaffen, als ihn noch A. Smith und List besaßen. Wir 
erwähnten vorhin die Untersuchungen über Agrar- und Industriestaat. Auch die Arbeiten 
ü ber Verteuerung durch Zölle, sowie die über den Einfluß von staatlichen oder Kartell— 
prämien zeigen erhebliche Fortschritte. Nor allem aber ist hier zu nennen und mit ein
	        
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