1107)] Der wissenschaftliche Fortschritt in der Bilanztheorie u. s. w. 649
paar Worten noch zu besprechen die Art, wie wir jetzt über die Theorie der so—
genannten Handelsbilanz aufgeklärt find (vergl. oben S. 604).
Hume und A. Smith hatten das Ziel der alten Merkantilpolitik, eine günstige
Bilanz, d. h. eine größere Geldmenge für das Inland durch das Verhältnis der
Warenein⸗ zur Warenausfuhr zu erzielen, für gänzlich wertlos und falsch erklärt. Jedes
Land bekomme von selbst und jederzeit die nötige Menge Edelmetall und Geld. Fließe
mal zu viel Geld ins Ausland ab, so werde alles billig; das Sinken der Preise ver—
mehre die Ausfuhr entsprechend; komme zu viel Geld ins Land, so würden die Preise
zu hoch, die Ausfuhr nehme dann entsprechend ab. Eine gewisse Tendenz zu derartigen
Vorgängen ist gewiß unter normalen Verhältnissen vorhanden; aber wie schnell solche
Selbstkorrektur eintrete, welche und wie viele Umstände diese Folgerungen hemmen
können, das ist die entscheidende Frage. Die neueren Verteidiger solch automatischer
Regulierung der Bilanz betonen jetzt auch mehr als die Preisveränderung die Wirkung
der Wechselkurse, der richtigen Bankdiskontpolitik (s. oben S. 84 und 223), welche stets
oder in der Regel übermäßiges Geldabfließen hemme, zu starkes Einströmen hindere.
Daran anschließend behaupten aber die heutigen Nachfolger Humes (z. B. Petritsch)
immer noch, wie einst Hume, „passive wie aktive Bilanz sei stets nur ein momentaner,
vorübergehender, niemals ein dauernder Zustand“, er brauche also auch nie durch die
Handelspolitik beeinflußt zu werden. Wir werden gleich sehen, daß diese Annahme für
gewisse Fälle wohl richtig ist, daß deshalb aber doch nicht jede aktive eingreifende
Handelspolitik überflüssig ist.
Die neueren Untersuchungen über die thatsächliche Handelsbilanz auf Grund der
Aus- und Einfuhrstatistik über Waren und Edelmetall haben uns zunächst gezeigt,
1. daß ihre Zahlen zwar den größeren Teil, aber entfernt nicht die ganze Summe
der gegenseitigen Zahlungsvorgänge umfassen, weshalb man heute die Ergebnisse der
Warenstatistik als Handel sbilanz, die Gesamtheit aller gegenseitigen Zahlungen
und ihre Vergleichung als Zahlungsbilanz bezeichnet; 2. daß die Abwickelung
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Jahres also häufig durch die der solgenden thatsächlich korrigiert wird; 3. daß unsere
Warenwertstatistik in der Regel, wie schon erwähnt, die Ausfuhr unvollständig und
außerdem deshalb gegen die Einfuhr zu niedrig enthält, weil die Einfuhr einschließlich
der Frachtkosten, die Aussuhr ohne diese angeschrieben wird, 4. kommen neben dem
Warenverkehr folgende Wertübertragungen und Zahlungen in Betracht: a) die teilweise
nach vielen Millionen zählenden Zinsen, die von den Schuldner- nach den Gläubiger⸗
staaten gehen; sie werden teilweise in Warenform bezahlt und erscheinen dann in der
Warenstatistik; sie können aber auch in Effekten übermacht werden und so die Ver—
schuldung vermehren, b) die Reedereiverdienste, welche einheimische Schiffe im Aus—
lande verdienen, e) die großen Beträge, die durch die Post, den Reiseverkehr, Effekten—
sendungen, Aus- und Einwanderungen, Erbschaften u. s. w. hin und her gehen. Durch
folche Zahlungen kann jede Warenbilanz um Dutzende, ja Hunderte von Millionen ver—⸗
ändert werden; erst diese Posten (soweit sie nicht in der Warenbilanz stehen) unter
Hinzurechnung einer nicht falschen, sondern richtigen Warenbilanz würden die thatsächliche
Zahlungsbilanz ergeben, die man aber von keinem einzigen Lande genau kennt.
Darnach ist es richtig, wenn die Wissenschaft heute überall den Warenbilanz⸗
zahlen besonders den sogenannten ungünstigen Bilanzen sehr kritisch gegenübersteht. Es ist
richtig, daß die meisten reichen Staaten heute dauernd eine sogenannte ungünstige
Bilanz haben und ohne Schaden ertragen, weil sie als Gläubigerstaaten oft 100, 500
und mehr Mill. Mk. Mehreinfuhr allein durch ihre auswärtigen Zinsen haben. Es
ist auch nicht zu leugnen, daß die reicheren Staaten mit gutem Geldwesen und guter
Kreditorganisation und Kreditverbindung nach dem Auslande zeitweise Bilanzver—
schlechterungen und Edelmetallausfuhren infolge von Kriegen, Ernteausfüällen und ähn—
lichen Ursachen meist ohne jeden Schaden ertragen und in wenigen Monaten oder
Jahren durch die Wechselkursänderungen, Kreditoperationen und die Diskontpolitik wieder
lorrigieren. Aber daneben bleibt die Thatsache, daß eine derartige Selbstkorrektur den