350 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [1108
armen verschuldeten Staaten, auch solchen ohne begehrte Exportwaren, solchen mit
drohender Papiergeldwirtschaft nicht immer gelingt. Haben sie dauernd eine schlechte
Bilanz, d. h. zu geringe Warenausfuhr, so können sie ihren Edelmetallschatz, ihr Bar—
geld verlieren, können genötigt sein, ihre Staatsschuldtitel und andere Effekten zu um—
angreich zu exportieren. In solchen Fällen kann, abgesehen von anderen Gründen, die
ür eine Schutzzollpolitik sprechen, die Erschwerung der Einfuhr aus finanz⸗, kredit⸗
und geldpolitischen Ursachen angezeigt sein. Und man wird die Maßnahmen solcher
Staaten, durch welche sie die Ausfuhr steigern, die Einsuhr hemmen, nicht von dem
»ptimistischen Standpunkt Humes verurteilen dürfen.
3. In der Erkenntnis der Ursachen der Handelspolitik der einzelnen Staaten und
Epochen haben wir den großen Fortschritt gemacht, daß wir ziemlich klar zwei Ursachen—
reihen unterscheiden. Die erste besteht für jedes Land und jede Zeit in den wirtschaft⸗
lichen Zuständen, Bedürfnissen, Produktionsmitteln, vorhandenen Handelszweigen und in
der bestehenden natürlichen Entwickelungstendenz; damit sind gewisse wirtschaftliche Not⸗—
vendigkeiten gegeben, die hier mehr auf Schutzzoll, dort mehr auf Freihandel hinweisen.
Aber diese Realitäten können klar oder unvollkommen erkannt werden; außerdem giebt
»s verschiedene Wege und Grade, sei es des Freihandels, sei es des Schutzzolles, die
möglich sind. Und ob nun der richtige Weg und in richtigem Maße ergriffen wird, das
zängt von der Regierung, der Verfassung, dem Einflusse bestimmter Klassen, der öffent⸗
lichen Meinung, der Kraft der Wissenschaft, den notwendigen Rücksichten auf auswärtige
Politik und Ähnlichem ab. Wir werden nicht zu viel behaupten, wenn wir sagen, rein
wirtschaftlich sei in der bestimmten Art der Ausführung weder die deutsche Handels—
bolitik von 1816—1840, noch die von 1879, noch die von 1891-18094 absolut nötig
zewesen; und Ahnliches gilt von der englischen Handelspolitik von 1783—-1789, von
1815 - 1840, von 1822 -1860, von der französischen, russischen, nordamerikanischen in
allen ihren wichtigeren Wendungen. Stets waren bestimmte Staatsmänner, Theorien,
Parteien, Klasseneinflüfse ausschlaggebend für das Maß und für die Detailausführung.
Wir werden sagen können, im 18. Jahrhundert habe öfter die mangelnde Information
und Fähigkeit der Regierungen, im 19. hätten mehr die parlamentarischen Einflüsse,
die koalierten Klasseninteressen, neuerdings das Gewicht der Kartelle und Trusts gewisse,
m Principe wohl angezeigte Mittel der Handelspolitik übertrieben, falsch, ja zeitweise
maßlos angewandt. Aber immer läßt sich ein Fortschritt nicht verkennen. Er liegt
in dem Anwachsen einer unparteiischen öffentlichen Meinung, soweit nämlich die Presse
nicht eine erkaufte ist, in dem Bestehen fester Regierungen, die sich nicht von Klassen⸗
und Parlamentsmajoritäten zu sehr schieben lassen, in der wachsenden wissenschaftlichen
Erkenntnis und ihrem Einfluß auf immer weitere Kreise.
Damit schränken sich auch nach und nach die falschen übertriebenen Vorstellungen
ein, die Schutzzöllner wie Freihändler, besonders aber die ersteren über die direkte Wirk—
samkeit handelspolitischer Maßregeln, je weiter wir zeitlich zurückgehen, hatten. Wir
wissen heute mehr und mehr, daß das wirtschaftliche Leben jedes Volkes und der Ver—
ehr der Völker untereinander auf gewissen großen elementaren Thatsachen GBoden,
Bevölkerung, Kapital, Stand der Technik, der Bedürfnisse, der Zahlungsfähigkeit) ruhen,
und daß daran wohl Schutzzölle, Prämien, Schiffahrtsgesetze oder wieder freihändlerische
Maßnahmen nach und nach manches, aber rasch nie sehr viel und vieles überhaupt
nicht ändern können. Und wir wissen heute auch, daß fast jede geplante handels—
politische Wirkung durch neue, vorher unbekannte oder nicht in ihrer Größe meßbare
Urfachen beschränkt, ja aufgehoben werden kann. Ein Schutzzoll soll fremde billigere
Konkurrenz abhalten, die betreffende Ware im Inlande verteuern, dadurch hier größeren
Bewinn und Ausdehnung der Produktion erzeugen. Von allen diesen Folgen kann
jede ausbleiben; die fremde Konkurrenz kann, genoͤtigt, um jeden Preis Absatz zu suchen,
zleich stark wie bisher auftreten; auch wenn sie sich vermindert, der Preis steigt, hängt
die Ausdehnung der inneren Produktion noch von vielen anderen Ursachen mit ab.
Jede Veränderung der handelspolitischen Mittel (Zolle u. s. w.) hat die Absicht,
die Verteilung der natißnalen Wirtschaftskräfte zu ändern. Kapital und Arbeit in andere