54 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [(1112
und geistig-moralischen Ursachen desselben zu erklären. Sie sind das Ergebnis von
Sprache und Gemeinschaftsgefühlen, von Bluts- und Geschlechtszusammenhängen. Auch
die höhere Technik ist nur verständlich im Zusammenhang der Ausbildung unseres
zanzen Geisteslebens. Die wirtschaftlichen Tugenden sind nicht rein wirtschaftlich,
ondern nur in Verbindung mit dem Wesen und Begriff der Tugend überhaupt er—
klärbar. Alle großen socialen Gemeinschaften sind ein Ergebnis der menschlichen Natur
überhaupt, beruhen auf Sprache und Schrift, auf Sitte, Recht, Moral, Religion,
Verkehr.
Geldwesen, Handel, größere Betriebe entstehen mit der Thätigkeit für den Markt,
auf dem Markt spielen wirtschaftliche Größenverhältnisse eine Hauptrolle; aber der
Markt entsteht nur als socialrechtliche Einrichtung, und alle Marktvorgänge bewegen sich
in gefellschaftlichen fittlich- rechtlichen Ordnungen, und diese wirken auch auf Angebot und
Rachfrage maßgebend zurück. Kurz, wir kommen überall zu dem Satze, daß der volks—
virtschaftliche Entwickelungsprozeß mit den Kategorien „steigende Beduͤrfnisse, technischer
Fortschritt, dichtere Bevölkerung, Mehrproduktion“ nur von außen gefaßt sei; daß wir
das Wesen desselben besser treffen, wenn wir sagen: er beruhe auf der Entwickelung
des Menschen überhaupt und zwar speciell auf der Entwickelung nach der Seite größerer
wirtschaftlicher Fähigkeitn und Tugenden und der Herstellung größerer und kom—
plizierterer, immer besser eingerichteter socialer Wirtschaftsorgane und -gemeinschaften.
Die Geschichte dieser Zusammenhänge erklärt es in erster Linie, daß aus armen tier—
artigen, isolierten Menschenhorden endlich reiche Millionenvölker wurden, die heute
nit ihrem Verkehr den Erdball umspannen. Die Art, wie aus den ehemaligen natür—⸗
ichen Gruppen weniger zusammenlebender Menschen Gemeinden und Staaten, Klassen
und Korporationen, Betriebe und Unternehmungen als wirtschaftliche Organe sich
bildeten, wie durch Sitte, Recht, Moral und Religion die Stäͤmme, die Stadt- und
Volkswirtschaften als wirtschafiliche Körper entstanden, geordnet wurden, wie in die
socialen und Marktkämpfe immer mehr sociale Ideale, Vorstellungen von Gerechtigkeit
und Solidarität eindringen, das ist das eigentlich zu erklärende Rätsel.
Der wirtschaftliche Fortschritt, wie wir ihn in der Geschichte der Menschheit er—
kennen, besteht also gewiß einerseits in einer Steigerung der Bedürfnisse, in einem
Fortschritt der Technik, in der Zunahme des Kapitals und der Bevölkerung, andererseits
aber und noch mehr in dem immer wieder versuchten, oft mißlingenden, in Stockung
zeratenden, aber auch immer wieder besser gelingenden Prozeß der gesellschaftlichen
Organisation, der moralisch-politischen Zucht. Nur diese Zucht kann größere, harmonischer
pusammenwirkende wirtschaftliche Körper erzeugen, in denen eine bessere Familien-,
Bemeinde- und Staatsordnung, bessere und größere Organe der Produktion und Ver—
eilung, vollendetere sociale Institutionen vorhanden sind. Vollendetere Institutionen
gelingen nur körperlich, geistig und sittlich vollendeteren Menschen. Die Wechselwirkung
wischen den menschlichen Eigenschaften und den socialen und wirtschaftlichen In—
titutionen ist der eigentlich springende Punkt. Die Schwierigkeit des Fortschriktes
iegt immer darin, daß größere Gesellschaftskörper, kompliziertere Organe gebildet werden
müssen, daß hiefür wenigstens die Führer, eine Elite schon fähig sein muß, daß die
ibrigen Glieder der Gemeinschaft wenigstens die Möglichkeit der Erziehung und
Emporhebung bieten. Gerade die Neubildung wirtschaftlicher Organisationen, wie z. B.
eder Schritt der Arbeitsteilung, wie die Einfügung der neuen Erwerbswirtschaft in
die alte Eigenwirtschaft ist das Schwierige, steis von massenpsychologischen Prozessen
Abhängige; so, wenn die Klassenbildung und Vermögensverschiedenheit beginnt, das
Zusammenwirken von Unternehmern und Arbeitern, so aule Neubildung von Gesellschaften
ind Genossenschaften, so das Zusammenwirken der Staats- und Gemeindewirtschaft mit
der Privatwirtschaft. Das sind lauter Probleme der socialen Ordnung, der Verträglich—
eit; alles wirtschaftliche Handeln für die Zukunft, für andere, für die Allgemeinheit,
vie es die höhere Kultur bringt, ist dem Naturmenschen zunächft unverständlich und
insympathisch; erst eine höhere geistige und sittliche Kultur ermöglicht Derartiges. Je
dichter die Menschen leben desto verträglicher müssen sie werden. Je mehr eine Ge—