658 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. (1116
heitliche Geschichtskonstruktion: die Gedanken über Arbeitsteilung, sociale Klassenbildung,
rechtliche Stellung des Arbeiters mischen sich in seine technische Geschichte ein. Aber
im ganzen und überwiegend versteht Marx doch unter den alles Wirtschafts- und
Geistesleben beherrschenden „Produktivkräften“ die jeweilige technische Gestaltung des
Wirtschaftslebens. Er sagt: „Die Handmühle ergiebt eine Gesellschaft mit Feudalherren,
die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten. Nicht was gemacht
wird, sondern wie, mit welchen Arbeitsmitteln es gemacht wird, unterscheidet die öko—
nomischen Epochen“, d. h. ein bestimmter Stand der Technik ergiebt bestimmte Betriebs⸗
formen und Klassenverhältnisse, diese ergeben Eigentums-, Gesellschafts? und Bewußt—
seinsformen (Verfassung, Ideen, Religion u. s. w.).
Wir haben die Marrschen Theorien schon öfter berührt und kritisch besprochen
(I, 97; I, 302 ff., 537 ff.). Wir haben anerkannt, daß die Betonung wirtschaftlicher
Ursachenreihen eine Berechtigung gegenüber der früheren überspannten idealistischen Methode
gehabt habe. In der Form aber, wie Marr und Engels, noch mehr wie ihre Nach—
treter die Theorie aufstellen, ist sie falsch oder einseitig. Sie verkennt, daß alle öko—
nomisch⸗technischen Verhältnisse nur durch das Mittelglied menschlichen Denkens, Fühlens
und Handeins auf die weitere historische Entwickelung wirken, daß alle neuen dkonomischen
Eindrücke in der Seele fich mit allen anderen vorhandenen seelischen Vorstellungen,
Erinnerungen, Krästen verbinden, daß so in jedem Augenblick moralisch-politische
Ursachen in Verbindung mit den technischen wirken. Marx macht den Menschen
zu einem Automaten der technisch-ökonomischen Zustände; in Wirklichkeit gestaltet der
Mensch diese nach Ideen und höheren Zielen. Schon alle Betriebsformen, Klassen—
verhälinisse, Eigentumsformen sind neben ihrer technischen Bedingtheit nur aus den
immer wachsenden, geistig⸗moralischen Ursachen zu erklären.
f. Wenn schon Engels und Marx teilweise versuchen, die Arbeitsteilung zum
Gradmesser des wirtschaftlichen Fortschrittes und der menschlichen Kultur zu machen, so
hat Dürkheim das noch einseitiger versucht: eine Gesellschaft ohne Arbeitsteilung hat
nur eine mechanische, eine mit Arbeitsteilung eine organische Solidarität; jene wird
durch Strafrecht und Religion, diese durch Kontraktrecht zusammengehalten. Nicht die
Ideen erzeugen den Fortschritt, sondern die Arbeitsteilung mit ihrer größeren Güter—
erzeugung. Es ist eine äußerliche Betrachtungsweise; die pfychologischen Bedingungen
und Folgen der Arbeitsteilung werden verkannt, wie die gesellschaftlichen Schwierigkeiten
und Kämpfe, die aus der Arbeitsteilung zunächst sich ergeben, die nur durch moralisch—
politisch höherstehende Institutionen überwunden werden können. Die politisch-radikalen
und socialistischen Ideale Dürkheims bestimmen mehr als die historisch-realistische Unter—
suchung seine Ergebnisse.
g. Tiefer als die angeführten Einteilungsversuche greift derjenige, welcher an den
wirtschaftlichen Verkehr und seine technischen Mittel anknüpft; der Verkehr ist eine
Folge der Arbeitsteilung, er beeinflußt die gesellschaftlichen Beziehungen des Menschen
von Grund aus, er gestaltet alles wirtschaftliche Denken und Handeln der Menschen um.
Freilich geschieht das nun noch mehr als bei der Produktion unter Einwirkung nicht
lechnischer, sondern geistig-gesellschaftlicher Ursachen. Wir haben oben (II 8148-151)
eine älteste Epoche des zufälligen Nachbarverkehrs, eine zweite des regelmäßigen Klein—
und Lokalverkehrs (in der Zeit der Stadtwirtschaft) und eine dritte des Groß- und
Fernverkehrs unterschieden; letztere ist in Anfängen schon im alten Orient, bei Griechen
und Römern, im mittelalterlichen Mittelmeer- und nordischen Handel vorhanden; aus—
gebildeter tritt sie uns erst seit den letzten Jahrhunderten, seit es eine Territorial⸗,
Volks- und Weltwirtschaft giebt, entgegen. Aber noch wichtiger erscheint die Einteilung in
Natural- und Geldwirtschaft, oder wie Hildebrand sagt, in Natural⸗-, Geld- und Kreditwirt—
schaft. Wir haben oben (II 8 162—-169) versucht zu scheiden a) die Epoche der Zahlung
mit Waren, hauptsächlich mit typischen Waren, mit Metallstücken, die nicht gemüngzt
sind; b) die Epoche der ersten, mehr nur periodischen Münzprägung (in Deuischland bis
ins 12.—14. Jahrhundert), sie entspricht den stadtwirtschaftlichen Zuständen; e) die
Evoche regelmäßiger Prägung von Groß- und Kleinmünze (14. — 18. Jahrhundert in