1117] Geschichtseinteilung nach dem Verkehr; idealistische Methoden. 659
den Territorien und Kleinstaaten); d) die Epoche der großen Prägungen mit geordneter
Scheidemünze, mit gutem Gelde; sie setzt sich nur langsam in den modernen Staats—
und Volkswirtschaften seit 1800 durch, kommt erst im 19. Jahrhundert voll zum Siege.
Die Hinzufügung einer besonderen Epoche der Kreditwirtschaft scheint uns nicht
zweckmäßig, obwohl die Kreditzahlung die heutigen Verhältnisse gewiß tief beeinflußt.
Aber sie hat doch nicht so umgestaltend eingegriffen, wie der langsame, drei Jahrtausende
umfassende Übergang von der Natural- zur Geldwirtschaft. Wir haben oben (8 169)
eingehend davon gesprochen, welche beherrschende wirtschaftliche Wirkung derselbe gehabt
hat, und brauchen das dort Gesagte nicht zu wiederholen. Wir stehen heute noch
nitten in den Versuchen, die neue volle Durchführung der Geldwirtschaft von ihren
Gefahren und Schattenseiten zu befreien. Aber so fehr wir betonen mögen, daß wir
kaum eine größere Veränderung der wirtschaftlichen Prozesse von technischer Seite her
kennen als diese, so dürfte sie als einziges Princip zur Erklärung der ganzen wirt—
schaftlichen Entwickelung der Menschheit doch nicht ausreichen. Sie kann ja die ver—
schiedenartigen volkswirtschaftlichen Gestaltungen, die vor und nach dem Siege der Geld—
wirtschaft neben einander sich unseren Blicken zeigen, so wenig erklären wie die Ver—
schiedenheit der Klassenverhältnisse, alle Einzelheiten der Arbeitsteilung, alle Verschiedenheit
in der Gestaltung der Privat- und Staatswirtschaft, des Eigentums u. s. w.
Unser letzter Schluß ist: die Entwickelung der Technik ist eine der grundlegenden
Ursachen der volkswirtschaftlichen Entwickelung, aber nicht die einzige. Die Theorien,
die sie als solche hinstellen, führen uns Erscheinungsreihen vor, die nicht bloß tech—
aischer Natur sind, wie Betriebsformen, Klassenkämpfe, Geldwirtschaft. Die steigende
Geldwirtschaft setzt Staat, Recht, Moral, eine hohe geistige Entwickelung voraus.
Das moderne Geldwesen ist eine staatliche Institution, das Münzwesen war die erste
volkswirtschaftliche Verstaatlichungsmaßregel.
274. Allgemeine historische Entwickelungstheorie. 2. Teleologisch—
metaphysische, psychologisch-geistige. Im Gegensatz zu diesen mechanischen
Geschichtserklärungen und -einteilungen stehen nun die, welche vom geistigen Leben
ausgehen. Sie sind teils religiös-metaphysisch, Versuche einer theologischen oder teleo—
logischen Begreiflichmachung des Sinnes aller Geschichte, teils psychologisch-empirisch,
Versuche einer Kaufalerklärung der psychologischen Kräfte und des menschlichen Handelns
aus der Ideenentwickelung, die die Geschichte beherrscht.
a. Zur ersteren Gattung gehdren die stoische, die christliche, die Geschichtstheorien
der neueren döogmatischen Philosophie, z. B. die Hegels. Die Stoa nahm ein ur—
sprüngliches goldenes Zeitalter an, in dem das reine Naturgesetz geherrscht habe; ihm
müsse die Menschheit sich wieder nähern. Das Christentum ging vom Dualismus
von Gott und der Welt aus: die ursprünglich sündlosen und gleichen Menschen haben
durch den Sündenfall Staat, Eigentum, sociale Klassen, Verbrechen und alles Schlechte
erhalten. Augustin nimmt die Analogie der Geschichte mit den menschlichen Lebens-
aliern in seine Theorie auf: den sechs Epochen menschlichen Lebens entsprechen die fünf
Weltmonarchien des Altertums, die fsechste Epoche bildet der Gottesstaat der christlichen
Kirche, der immer weiter sich verwirklicht. Die geistlichen und weltlichen Schriftsteller
des Mittelalters bis ins 17. Jahrhundert (.. B. Thomas von Aquino und Otto
von Freisingen, Bossuets discours sur l'histoire universelle 1681) blieben bei solchen
dehren, deren Grundvorstellung freilich zuletzt eine ähnliche war wie Lessings „Er—
ziehung des Menschengeschlechtz“ (1786). Auch Vicos (1668-1714) drei große
gistorische Zeitalter (das göttliche, das heroische und das menschliche) wollen die Voͤlker—
geschichte ähnlich als eine Einheit begreifen, die mit dem stoisch-christlichen Idealzustand
beginnt, im heroischen Zeitalter zur Bändigung der rohen und schlechten Menschen
durch große Staatengründer führt, im menschlichen diese Notstaaten durch Humanität,
Billigkeit und Streben nach allgemeiner Wohlfahrt reinigt und emporhebt. Tiefsinniger
als die platte Einteilung in alte, mittlere und neue Geschichte, wie sie feit dem
17. Jahrhundert für den Handwerksbetrieb der Historiker üblich wurde und noch heute
estgehalten wird, waren alle diese Betrachtungsweisfen.