360 Viertes Buch. Die Entwickeluug des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [(1118
p. Die großen Historiker und Philosophen von 17860 —-1800 haben dann die Vor⸗
stellung der Erziehung, den Sieg des Geisies oder eines göttlichen Planes, die Herr—
schaft der Ideen auf ihre Fahnen geschrieben. Kant läßt aus dem Wechselspiel der
Selbstsucht und des Geselligkeitstriebes den Staat, aus der Reibung der Staaten und
dem Völkerrecht den ewigen Frieden hervorgehen. Hegel sieht in der Geschichte der
zrientalischen und europäischen Völker den Fortschrikt im Bewußtsein der Freiheit, die
Verwirklichung des Weltgeistes. Der Weltgeist manifestiert sfich nach ihm in einem
Stufengang von Volksgeistern und deren Thaten, den welthistorischen Reichen, die als
Repräsentanten großer Ideen erscheinen, in ihrer Folge, durch den dialektischen Prozeß
bestimmt, von der Thesis zu ihrer Negation, von dieser zu einer höheren Position
voranschreiten. Die Idee kehrt durch die Natur und die Geschichte zu sich selbst zurück.
„Die Idee ist der Seelenführer der Geschichte.“ Die geistige Freiheit ist ihr letztes
Ziel. „Von der Unfreiheit der Asiaten geht die Entwickelung durch die halbe Freiheit
der Griechen und Römer zur vollen Freiheit der modernen Welt.“ Hegel giebt neben
seinen allgemeinen Formeln massenpsychologische Schilderungen von den großen Kultur—
bölkern, aus denen er alle einzelnen Seiten ihrer Kultur abzuleiten sucht. Er unter—
scheidet objektive und subjektive Epochen, d. h. solche der Neubildung und der Auf—
öfung. Er giebt uns eine konstruktive Klassifikation der aufeinander folgenden Zeitalter
im Sinne ihres geistigen Charakters, ihrer Idee, aber er erklärt nirgends kausal das
Entstehen der Ideen und der Volksgeister.
Barth sagt mit Recht, der Glaube an die Ideen war Gemeingut der Zeit.
Schiller, W. v. Humboldt, Ranke sind vom Glauben an sie erfüllt. Und die
Ideen treten in jener Zeit bald als mystische, überirdische, göttliche Wesen, als Gedanken
Bottes, die von außen her die Geschichte beherrschen, bald als bloße Synthese und
Besamtausdrücke für die geistig-sittlichen Kräfte und die großen Ziele einer Zeit auf.
Man hat bis heute gestritten, ob sie bei Ranke mehr das erstere oder mehr das letztere
seien. Seine Gegner behaupten jenes, seine Anhänger dieses. Er selbst sagt, „es sind
immer Kräfte des lebendigen Geistes, welche die Welt von Grund aus bewegen; vor—
bereitet durch die vergangenen Jahrhunderte, erheben sie sich zu ihrer Zeit, hervor—
gerufen durch starke und innerlich mächtige Naturen, aus den unerforschten Tiefen des
menschlischen Geistes; es ist ihr Wesen, daß sie die Welt an sich zu reißen suchen; es
sind moralische Energien, die wir in der Entwickelung erblicken“. Das klingt realistischer
als bei Plato, Humboldt und Hegel. Und doch ist Rankes Verwandtschaft mit Hegel oft und
nit Recht bemerkt worden. Beide sind die Hauptrepräsentanten einer idealistischen
Ideenlehre, als Grundlage der Geschichtserklärung: bei Hegel folgt die Ideenentwickelung
einem logisch-dialektischen Gesetz; bei Ranke fehlt jede nähere Ausführung über die
historische Abfolge der Ideenentwickelung. Beide haben das Verdienst, die Geschichte
auf den Weg der Untersuchung der großen geistigen Zusammenhänge verwiesen zu haben.
In ihrer Wirkung auf die folgende Generation waren sie sehr verschieden. Hegel fand
wohl in Rechtsphilosophen und Socialpolitikern direkte Schüler; die Grundideen Gneists,
L. von Steins, Rodbertus', Lassalles und Marrx' sind halb oder ganz hegelianisch; im
übrigen forderte die dialektische Methode Hegels rasch ziemlich allgemeinen Widerspruch
heraus. Die historischen Schüler Rankes hielten sich mehr an seine kritisch-empirische
Methode, an seine künstlerische Stoffgestaltung, als daß sie seine Ideenlehre ausgebildet
hätten. Immer wird man die Völkerpfychologen, wie Steinthal und Lazarus, obwohl
sie direkt an Herbart anknüpfen, und einzelne historische Philosophen wie Dilthey doch
auch als Fortsetzer der Rankeschen Ideenlehre bezeichnen können.
Wenn man Ranke neuerdings oft Mystik, einseitigen Idealismus, einseitige Ab—
leitung aller Geschichte aus dem Leben und den Ideen der leitenden Staatsmänner und
der großen Persönlichkeiten überhaupt vorwirft, so ist das gewiß nicht ganz falsch; eine
realistische Umkehr mußte kommen. Aber jede Zeit hat ihre speciellen Aufgaben, und
weder bei Ranke, noch bei manchen seiner direktesten Anhänger fehlt die realistische
Erfafsung, die Erklärung aus wirtschastlichen, militärischen, kirchlichen, pädagogischen
Ursachen, neben den allgemeinen geisteswissenschaftlichen ganz. Aber allerdings die durch—