—1119) Hegel und Ranke. Geistig-realistische Geschichtseinteilung. 661
schlagende Betonung solcher Ursachenreihen mußte durch Gelehrte erfolgen, die im Gegen—
satze zur Ideenlehre und zur Identitätsphilosophie standen oder nach und nach zu ihr
kamen, von entgegengesetzten Ausgangspunkten aus ihre Systeme entwarfen.
e. Die empirisch nach Ursachen fragenden Geschichtstheorien konnten teils die
individual- und massenpsychologischen Elemente alles Geisteslebens, teils die direkten
Ergebnisse des, geistigen Lebens, Staat, Verfaffung, Recht, Eigentum, sociale Klassen—
bildung und Ahnliches in den Mittelpunkt ihrer Systeme stellen oder beides mit
zinander verbinden. Schon das Altertum hatte Anfätze zu beidem.
Plato teilt die Gesellschaften nach dem Seelenzustand der Regierenden ein, ohne
daraus eine historische Entwickelung abzuleiten. Aristoteles fügt seiner Einteilung
der griechischen Stadtstaaten nach der Zahl der Regierenden (Monarchie, Aristokratie,
Demokratie) einen zweiten Entwickelungsgrund nach dem sittlüchen Wert derselben bei
und kommt so zur normalen und anorinalen Ein-, Viel- und Volksherrschaft. Die
von ihm beobachtete historische Folge der Aristokratie auf die Monarchie, der Demokratie
auf die Aristokratie hat die politischen Entwickelungstheorien bis in die Gegenwart
beherrscht.
d. Mit St. Simoun und Auguste Comte beginnen die neueren halbphilo—
ophisch-⸗socialistischen, halb rechts- und wirtschaftsgeschichtlichen Geschichtskonstrukt onen.
St Simon sucht den Kern des Problems nicht in der Entwickelung der politischen
Verfassungen, sondern in der Geschichte der wirtschaftlichen Formen (Eigentumsformen,
lafsfenentwickelung u. s. w.) einerseits, in der Geschichte der Ideen andererseits: jedes
gesellschaftliche System ist auf ein philosophisches gegründet. Die europäische Geschichte
der letzten 1012 Jahrhunderte zerfällt für ihn in eine feudal-⸗militärische Epoche,
in eine Epoche der Juristenherrschaft und in die künftige industrielle, von der Wissen—
schaft beherrschte Epoche. Eine Zeit, die einheitlich von großen Gedanken beherrscht ist,
nennt er organisch; kritische Zeiten sind die, in welchen neue Gedanken auf neue Formen
der Gesellschaft hin arbeiten. Die ganze Geschichtseinteilung ist eine ähnliche, wie die
Comtes, der durchaus empirisch die herrschenden geistigen Zustände zum Mittelpunkt
der großen Epochen macht und so im Anschluß an Turgot die Epochen der herrschenden
Theologie, der herrschenden Metaphysik und des Positivismus (der empirisch-positiven
Wissenschaft) unterscheidet. Die Geschichte der Gesellschaft ist nach ihm beherrscht von der
Geschichte des menschlichen Geistes. Jeder bestehende Gesellschaftszustand entsteht aus
geistigen Strömungen, die sich zu Sitten und Institutionen verdichten, die in jeder
Zeit und in jedem Volke auf eine Übereinstimmung aller gesellschaftlichen Einrichtungen
hinwirken. Indem Comte so die geistige Gemeinschaft als die centrale Ursache alles
gesellschaftlich-geschichtlichen Lebens hinstellt und daraus die Epochen des Staats- und
Wirtschaftslebens ableitet, hat er bei allen einzelnen Irrtümern in feiner historischen
Darstellung, bei aller Anfechtbarkeit seiner Methode und seiner praktischen Ideale doch
einen großen Fortschritt vollzogen; er hat die Sociologie als fociale Centralwissenschaft
und (neben den Deutschen) eine eigentliche Philosophie der Geschichte begründet.
e. Bei der phantastischen Trieb-⸗, Harmonisierungs- und Periodenlehre Fouriers
wollen wir uns nicht aufhalten, obwohl sie nicht ohne gewissen Geist und nicht
ohne Tieffinn ist. Lafsalle hat den Sinn der wirtschaftlichen Entwickelungsgeschichte
zuerst in der steigenden Einschränkung des individuellen Eigentums, des Rechtes auf
Ausbeutung anderer Menschen gefunden. Er hat dann dementsprechend drei sociale
Epochen unterschieden: im Mittelalter herrscht die Feudalaristokratie durch den Grund—
besitz; mit der Industrie, der Arbeitsteilung, der Kapitalbildung siegt mehr und mehr
die Bourgeoisie; er setzt ihren Sieg ins Jahr 1789; diese Epoche wird in der Zukunft
durch den Sieg des Arbeiterstandes abgelöst werden, die Freiheit des Arbeiterstandes
wird die Freiheit der Menschheit sein. Ahnliche Gedankenreihen, aber ausgebildeter,
treten uns bei Rodbertus entgegen.
Rodbertus, ebenso von historischen Detailstudien wie von der deutschen Philo—
sophie seiner Zeit ausgehend, machte den Versuch, das gesamte gesellschaftliche, wirt—
schaftliche und politisch-rechtliche Leben der Menschheit als eine Entwickelungsreihe immer