1121] Socialistische Geschichtskonstruktion. Maine, Spencer, Lamprecht. 663
lismus auch die Staaten auflöst, schwächt, die Individuen in Egoismus untergehen
läßt. Er überfieht die anderweit mitwirkenden Ursachen der Staats- und Gesellschafts—
bildung, er ist sich nicht bewußt, wie sehr er bei seiner Verherrlichung des friedlichen
Gesellschaftsthpus in der Tagesmeinung des englischen Manchestertums stecken ge—
blieben ist.
g. Seit den letzten zehn Jahren haben zwei jüngere deutsche Historiker große An—
läufe genommen, im Gegensatz zur alten idealistischen und politischen Geschichtsschreibung
don einem realistisch-kulturgeschichtlichen Standpunkt aus die Geschichte der Menschheit
als ein Ganzes zu begreifen und nach einheitlichen Gesichtspunkten, Begriffen, Ursachen⸗
reihen sie einzuteilen: Lamprecht und Breysig.
Der erstere hat seinen Standpunkt als einen kollektivistischen gegenüber dem bisherigen
individualistischen bezeichnet. Er hat mit jugendlicher Kampfeslust Ranke und seine An—
hänger angegriffen, sich als den Reformator der ganzen Geschichtsschreibung, die er mit
seiner Methode erst zu Wissenschaftlichkeit und zu Begriffen erheben werde, eingeführt.
Die Einteilung, die er zuerst seiner deutschen Geschichte zu Grunde legte, waren die
wirtschaftlichen von List und Hildebrand (S. 636—7), aber mit zwei Beigaben; er fand,
daß jede der größeren Epochen in eine erste socialistische und eine zweite individualistische
Hälfte zerfalle: z. B. die Ackerbauperiode ist in der Zeit der Mark- und Dorf⸗
Jenofsenschaft socialistisch, in der der Grundherrschaft und des bäuerlichen Sondereigens
individualistisch. Und er versuchte dann von seinem wirtschaftsgeschichtlichen Stand—
punkt vorzudringen zu der Erfafssung der geistigen Züge, welche die letzten Ursachen
dieser Epochen seien. Die letztere Tendenz hat er dann weiter verfolgt und ist so zu
einem Doppelschema geistiger und wirtschaftlicher Einteilung der deutschen und in
analoger Weise aller Geschichte gekommen. Einer seiner Kritiker hat sie kurz so zu—
sammengefaßt:
Geistige J
Kultur
Animismus
Symbolismus
Urzeit
vor Säk. 10
J
Materielle J okkupatorische dualistisch—
Wirtschaft okkupatorische
Kultur eret
Typismus
Konventio⸗
nalismus
Säk. 10—18 Säk. 13-15
Naturalwirt⸗
schaft mit
collektivisti⸗
schem
Vorgehen
Naturalwirt⸗
chaft mit indi⸗
idualistischem
Vorgehen
Indivi⸗ Subjekti⸗
dualismus vismus
Säk. 15—18 Säk. 19.
Geldwirtschaft Geldwirtschaft
mit gemein⸗ mit individua—
schaftlicher listischer
Bewältigung —X
des Handels
Auch Freunde und Anhänger Lamprechts haben in den Schlagworten, mit denen
er geistig die Epochen charakterisiert, nicht die letzten Ursachen aller historisch-gesellschaft—
lichen Erscheinungen finden wollen; sie erklären jedenfalls Recht, Verfassung, Klaffen—
oerhältnifse, Betriebsformen der einzelnen Epochen nicht; es sind Benennungen, die
überwiegend dem Kunst- und Gemütsleben abgelauscht sind. Und Lamprecht hat sie in
seiner neuesten deutschen Wirtschaftsperiodifierung auch nicht mehr zum Ausgangspunkt
gewählt; er hat hier die psychologische Distanz zwischen Bedürfnis und Befriedigung, ihr
Wachstum und ihre Projektion in die Welt der Betriebsformen hinein in den Mittel—
punkt gestellt: Urzeit und Stammeszeit, älteres und späteres Mittelalter, neue und
neueste Zeit werden ihm zu Doppelpaaren von Zeitaltern, in welchen subjektiv Bedürfnis
und Genuß auseinander treten, durch die Mittelglieder von Überlegung, Gedächtnis,
Wertvorstellung getrennt und verbunden werden, während ebenso in der Welt der realen
wirtschaftlichen Prozesse Produktion und Konsumtion durch Arbeitsteilung und Verkehr
geschieden und wieder vereinigt werden. In dem ersten Paar jener Zeitalter herrscht
dach Lamprecht der Konsument, in dem zweiten der Produzent, in dem dritten der
Häudler und Unternehmer; in der neuesten Zeit geht die freie Unternehmung in die
durch Kartelle und andere Einrichtungen gebundenere über, wodurch Ruhe und Gleich—
maß wieder in die Kämpfe und die Überspannung der Gegenwart komme. — Lamprecht