226 Die Abstufung der Gesellschaft (Gemeinschaft und „Gesellschaft“).
dern als Träger oder Verkörperungen der Gruppe. Diese Form der Ge-
meinschaft ist sowohl für die Gattung wie für den Einzelnen die älteste
und ursprünglichste und reicht bis in die Tierwelt herab. In ihr ist zu-
gleich das Wesen der Gemeinschaft (und auch das Wesen der Gruppe im
Sinne einer idealtypischen Betrachtung) am vollsten und reinsten ent-
Faltet. | Die bekanntesten und verbreitetsten Formen dieses Typus sind
die Familie, die Sippe und die Männerbünde samt den ihnen verwandten
sonstigen engen Zusammenschlüssen von Männergruppen; ihnen ist bei
kleineren Dimensionen der Stamm .anzureihen mit einem jedoch im
Durchschnitt schon etwas schwächeren Gemeinschaftscharakter. Die
hierbei in Frage kommenden Gruppen (die man wohl auch als Lebens-
gemeinschaften bezeichnet) werden wir als solche erst in den folgenden
Kapiteln nach der systematischen wie nach der historischen Seite zu
betrachten haben. ‚Hier bildet unseren Gegenstand lediglich die be-
sondere Form des Gemeinschaftsverhältnisses, die in ihnen auftritt.
Wenn das Kind allmählich zum Bewußtsein erwacht, so sieht es sich
in einen Kreis von Menschen eingeschlossen, der sich gegen alle frem-
den Menschen in einer gewissen Weise abhebt und ihnen gegenüber zu
einer gewissen (gegliederten) Einheit zusammenschließt. Diese Einheit
aber wird nicht als etwas aufgefaßt, das über oder neben den einzelnen
Menschen stände. Die Familie erscheint vielmehr als der Inbegriff aller
ihrer Mitglieder und umgekehrt erscheinen alle dazugehörigen Personen
als behaftet mit der Eigenschaft, zur Familie zu gehören, oder genauer
gesagt Glieder der Familie zu sein oder diese in sich zu verkörpern. Und
zo ist es überall bei diesem Typus. Gruppe und Individuum sind in der
Auffassung auf das Engste verknüpft: entsprechend einer komplexen
Auffassungsweise, wie sie überhaupt anderen Kulturen in viel höherem
Maße als der unsern eigen ist, werden sie als ein gegliedertes Ganzes
aufgefaßt. Die Gruppe erscheint als verkörpert in den Individuen, und
die Individuen erscheinen als Gruppenträger, gleichsam als durchtränkt
mit -dem Gruppencharakter. Es handelt sich dabei um ein einziges Ver-
hältnis des Menschen zu seiner Umgebung, an dem nur zwei verschiedene
Seiten zu unterscheiden sind. Die Gemeinschaftshaltung ist auf einen
einheitlichen Gegenstand gerichtet, der jedoch in zwei verschiedenen For-
men erfaßt wird: der Einzelne fühlt sich einerseits mit einem Ganzen
verbunden, anderseits mit den einzelnen Menschen, die ihm dieses Ganze
repräsentieren. Für einen Offizier z. B. ist jeder seiner Kameraden Trä-
zer einer besonderen Qualität, nämlich der Zugehörigkeit zum Offizier-
korps, und nur in dieser Eigenschaft wird er von der Gemeinschaftshal-
tung umfaßt. Ebenso besigt, wo noch eine Familiengesinnung älterer
Art besteht, für jeden Beteiligten jedes Familienmitglied die Familien-
zugehörigkeit als spezifische Eigenschaft; und kraft dieser wird ihm