Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

1123)] Geschichtstheorie von Breysig und Lawrow. 665 
kleinen Staaten gegenüber Nachbarn und Feinden zu schwach waren, deshalb sich ver— 
größern mußten, daß dies nur durch eine starke Staatsgewalt mit hartem Zwangscharakter 
möglich war. Mit dieser Vergrößerung und diesem Zwangscharakter, sowie mit der 
Herrschaft von kleinen Minoritäten entstanden nun stets die inneren Ungleichheiten und 
Ungerechtigkeiten, entwickelte sich die Klassenherrschaft. Die sittliche Solidarität primitiver 
Art verschwand; die so mißbildeten Staaten mußten durch innere oder äußere Stürme zu 
Grunde gehen. Immer neue Versuche der Staatshildung und Gesellschaftseinrichtung 
mußten kommen, wobei nach und nach die bloße Überlieserung und Sitte, die bloßen 
Machtintereffen zurücktreten gegenüber der moralischen Macht der Wahrheit und Ge— 
rechtigkeit, wobei das Monopol der herrschenden Klasse auf politische Gewalt, Reichtum 
und Gedankenarbeit gemildert, zuletzt gebrochen wird; dabei schieben sich zunächst gesell⸗ 
schaftliche Zwischenschichten zwischen die Herrschenden und die leidende Masse ein, Höhere 
politische Formen, verbesserte Ideale, Kunstformen, Religionen, wissenschaftliche Systeme 
entstehen. Zuletzt wird der Egoismus so aufgeklärt, daß er den höchsten Genuß in der 
Pflichterfüllung, im socialen Fortschritt findet; alle Menschen werden zur Arbeit verpflichtet, 
das private Eigentum wird abgeschafft. Die focialistische Gesellschaft ist das Resultat einer 
okonomischen ebenso wie einer politisch-moralischen und intellektuellen Evolution. Der höher 
ausgebildete Mensch nimmt in seiner allgemeinen Weltanschauung den ganzen Prozeß der 
Geschichte in sich auf, und damit entsteht in ihm ein Maßstab des Fortschrittes, eine Kraft 
des socialen Ideals, so daß die volle Solidarität möglich, eine vollendete Wissenschait, 
Philosophie, Kunst, eine Beseitigung aller falschen Ideale und Institutionen möglich wird; 
es bildet sich eine Gesellschaft gleicher, durch übereinstimmende Interessen und Über— 
zeugungen verbundener und unter gleichen Kuliurbedingungen lebender Personen, die mög— 
lichst alle trennenden und feindlichen Affekte, den Kampf ums Dasein untereinander in 
allen seinen Gestalten beseitigt haben. 
Der Nüchterne wird diese Hoffnung als eine Utopie betrachten. Aber der Ge— 
schichtskundige wird dieses Bild des fortschreitenden Sieges der Gerechtigkeit und Wahr— 
heit nicht ohne Teilnahme und Hochachtung in sich aufnehmen. Er wird in ihm mehr 
historische Wahrheit finden als in Marx' Klassenkampf- und Geschichtskonftruktion, 
die übrigens Lawrow nicht als ihm widersprechend, sondern als äußerliche Teilerscheinung 
des von ihm geschilderten großen geistigen Prozesses betrachtet. Läßt man die socialistischen 
Spitzen weg, so ist Lawrows Theorie in ihren Grundzügen nicht gar so wesentlich ent⸗— 
fernt von Lessings Erziehung des Menschengeschlechts, von Hegels Sieg des obiektiven 
Geistes, von Rankes Ideenlehre — 
Wir verlassen diesen flüchtigen Überblick über die Periodisierungstheorien und 
genetischen Erklärungsversuche der ganzen Menschheitsgeschichte mit der Empfindung, daß 
die Wissenschaft auf ihrer heutigen Stufe nicht wieder davon lassen kann, solche Ver— 
suche zu machen, daß es sich aber bis jetzt doch mehr um wissenschaftliche Versuche, teil⸗ 
weise mehr um teleologische Deutungsversuche, als um für immer gesicherte Wahrheiten 
handelt. Mögen Empiriker und Specialisten sie deshalb scheel ansehen, eine Annäherung 
an die Wahrheit enthalten sie doch. Und sie sind nicht so grundverschieden, wie sie er— 
scheinen. Teilweise benennen sie gleich Gedankengänge mit verschiedenen Namen; 
teilweise unterscheiden sie fich nur dadurch, daß die eine Gruppe das Innere, die andere 
das Außere zusammenhängender, ja identischer Erscheinungen zum Principe der Er—⸗ 
klärung macht; der eine faßt die psychische Seite oder den Geist der Institution, der 
andere die Institutionen von ihrer wirtschaftlichen, politischen, rechtlichen und klafsen— 
geschichtlichen Seite. Alle möchten einheitliche Formeln finden, monistisch und nicht 
dualistisch die Dinge erklären; sie übersehen nur, daß dieses höchste Ziel heute wohl 
noch nicht erreichbar ist. 
Wir wollten in unserem Grundriß uns nicht so hoher Dinge unterfangen. Der 
ganze Schwerpunkt seiner Darstellung liegt in dem Streben, zunächst die einzelnen 
wichtigen Entwickelungsreihen des volkswirtschaftlichen Lebens pfychologisch, rechts- und 
wirtschaftsgeschichtlich zu erklären, sie socialpolitisch zu würdigen, ihre kuünftige Ent— 
wickelungstendenz nachzuweisen. Diese einzelnen Seiten und Reihen darüber hinaus
	        
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