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866 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [1124
wieder zu einem Ganzen zu vereinigen, haben wir allerdings auch einen bescheidenen
Versuch gemacht; ihn hier nochmals aufzunehmen, ist die Aufgabe des folgenden
Paragraphen.
275. Die historische Stufenfolge der wirtsfchaftlichen Verfaf—
sungsformen. Der Grundgedanke unserer Volkswirtschaftslehre ist der, daß das
Wirtschaftsleben der Menschheit sich vollzieht in einer Summe von politisch⸗-gesellschaft—
lichen Körpern, die teils neben-, teils nacheinander als Einheiten sich unserem Blicke
darstellen. Jeder dieser Körper erhält für unsere Vorstellung, seine Einheit wohl auch
durch Gebiet und Grenzen, durch die jeweilige Technik und Ähnliches, aber doch in
erster Linie durch die Bluts- und geistige Einheit, durch die Vergesellschaftung der Be—
teiligten, als deren sichtbare Symptome Rasse, Sitte, Recht, Moral und Religion, dann
und hauptsächlich politische und volkswirtschaftliche Institutionen erscheinen.
Um den Entwickelungsgang des volkswirtschaftlichen Lebens und seine Formen
im ganzen zu erklären, hatten wir uns also eine Vorstellung davon zu machen, wie
das menschliche Gesellschaftsleben sich überhaupt von Horde zum Stamm, dann zu
Stammesbündnissen und Eroberungsreichen, weiterhin von Stadt und Klein- zum Mittel⸗
oder Territorialstaat, von diesem zum neueren Nationalstaat, endlich zu den modernen
Riesenreichen und der Weltwirtschaft entwickelte; und wir hatten weitler uns klar zu
werden, wie diese verschieden großen und verschieden organisterten Körper sich nach außen
teils feindlich kämpfend teils friedlich tauschend berühren, wie sie nach innen gegliedert
sind in die Individuen, Familien, Gemeinden, Körperschaften, Unternehmungen, Re—
zierungen, wie diese Organe die wirtschaftlichen Funktionen unter sich teilen, ferner wie
innerhalb der Staaten die Individuen und deren Gruppen und Klassen sich untereinander
hekämpfen und mit der Regierung ringen oder friedlich miteinander verkehren und zu—
sammen wirken.
Zu dem über diese Punkte in unserem ganzen Grundriß (hauptsächlich 88 8 und
5, 87 ff,, 101 - 147, 245.-252) Gesagten fügen wir teils ergänzend, teils refümierend
hier noch einiges bei:
Die Menschheit hat unendlich lange Zeiträume, in kleine Horden und Stämme
zegliedert, ohne feste Verknüpfung mit dem Boden, wandernd gelebt. Die innere Ver—
bindung derselben war sehr lose; aufs leichteste fielen Horden und Stämme auseinander.
Auch wo die Stämme etwas größer, bis zu 5000 und 10000 Personen stark wurden und
bereits seßhaft waren, kam es nur selten und an begünstigter Stelle, durch große Führer
und glückliche Institutionen zu Stammesbündnissen von 20 000 Personen und mehr; es
war damit ein ebenso großer als schwieriger Fortschritt vollzogen. Die Mehrzahl der
älteren Stämme aber ist nie so weit gekommen; es giebt viele, die seit Jahrtausenden
es nicht über Körper von 1000 Personen und Dorffürstentümer hinausgebracht haben.
Offenbar weil ihnen der nötige wirtschaftliche Fortschritt, die sociale Zucht und Unter—
ordnung, die kriegerischen und politischen Institutionen, die für die Buͤndnisse, die Ver—
cchmelzung nötig waren, nicht gelangen; an Zahl zunehmend, teilten sie sich immer
wieder oder beschränkten absichtlich ihre Geburten.
Eher gelang auf günstigem Boden einzelnen höher stehenden Stämmen und
Rassen, zumal den Hirtenvölkern die starke kriegerische Organisation, welche zur Unter—
werfung anderer Stämme führte. So bildeten sich die ersten größeren Gemein—
wesen und Staaten; meist freilich auch so, daß der innere geistige und wirtschaftliche
Zusammenhang zunächst ein loser blieb; die Zusammenfassung der Eroberungsstaaten be—
ruhte nur auf Gewalt, daher drohte die Auflösung immer wieder. Auch später, als
längst einzelne größere Staaten gezeigt hatten, wie vorteilhaft für Verteidigung, Er—
oberung, wirtschaftlichen und anderen inneren Fortschritt die Vergrößerung sei, als längst
eine starke Vergrößerungstendenz im Leben der politisch-socialen Körper vorhanden war,
rat immer wieder die Thatsache ein, daß die immer erneuten Anläufe zu größeren
Staatsgebilden zwar zunächst den besser organifierten Stämmen äußerlich gelangen, daß
aber die Mittel des dauernden Zusammenschlusses falsch oder zu schwach waren. Die
so hergestellten Gemeinwesen unterlagen immer wieder über kurz oder lang ihren kräftigeren