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368 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. 1126
arm, ausgepreßt, ihr wirtschaftliches Leben geht bei niedriger Technik, geringen Bedürf—
nissen fast ohne Erwerbstrieb in demütiger Hantierung, Aberglauben, Ünwifsfenheit
dahin. Es ist eine Art Staatskommunismus, der wohl einmal in den Händen einzelner
weniger großer Herrscher, wie Kyros, auch den Massen, meist nur dem Hofe und einer
leinen Aristokratie, daneben freilich gewissen großen Staatszwecken zu gute kommt.
Die ersten großen, äußerlich befestigten Religionssysteme, riesenhafte Tempel-, Straßen-,
Wasserbauten entstanden. Auch einzelne Einrichtungen für Handel und Verkehr wurden
damals geschaffen; die Anfänge der Wiffenschaft, die erste höhere Kriegsverfassung und
Flottenbildung wurden durch die Auspressung und Mißhandlung von Millionen ermöglicht.
So beruhten die ersten großen politisch-militärischen, theokratischen, staatswirtschaftlichen
Bildungen auf einer kleinen emporgestiegenen Aristokratie der Regierenden und auf der
zünzlichen Rechtlosigkeit der Massen; diese wurden dem Moloch der Gemeinschaft ge—
opfert. Daher konnten auch diese Gemeinschaften nur da länger dauern, wo sie un—
bedroht von außen, in Sitten und Herkommen streng firxiert waren, damit aber auch ver—
fnöcherten, jeden Fortschritt ausschlossen. Mit der Zeit mußten alle diese natural—
wirtschaftlich⸗ despotischen Reiche sich auflösen, zerfallen und vergehen.
2. Die zweite große weltgeschichtliche Entwickelungsreihe, zu der die griechisch—
römische Kultur sich als Anfang und Einleitung verhält, deren Haupterscheinung aber
die romanisch-germanische Staalen- und Wirtschaftswelt seit der Völkerwanderung aus—
macht, unterscheidet sich von der älteren 1. durch einen günstigeren historischen Schau—
platz, 2. durch das reiche Erbe sittlicher, rechtlicher und religidser, technisch-künstlerischer
und wiffenschaftlicher Kultur, das fie von der Vorzeit, die germanische hauptsächlich
von Griechenland und Rom empfängt, 8. dadurch, daß ihre Träger den hochstehenden
Rassen angehören. Ihre Entwickelung kam so im ganzen rascher voran und blieb doch
mannigfach auch wieder auf den großen Flächen, in nördlichem Klima langsamer und deshalb
gesünder als die ältere und die griechisch-römische. Die Hauptsache ist, daß die Ent—
wickelung vom barbarischen Stammesleben zu Klein-, Mittel- und Großstaaten beffer gelingt,
daß trotz aller Ansätze zu barbarischen Weltherrschaftsreichen viel mehr und viel länger
sich eine Staatengesellschaft erhält, welche sich in der Form der befruchtenden Wechsel⸗
wirkung und Koexistenz kleinerer und größerer Gemeinwesen darstellt. Die Kirche als
hristliche Oberbehörde im Mittelalter, das Völkerrecht seit den letzten Jahrhunderten
zalfen dieses Ziel verwirklichen. Und aus der Wechselwirkung und den Kämpfen dieser
Wirtschafts- und Staatskörper heraus entwickelten sich nun die Nationen zu koͤrperlichen
wie geistig⸗sittlichen großen Gemeinschaften, und es gelang eine Ausbildung höherer poli—
tischer, kirchlicher, wirtschaftlicher und socialer Formen, als die Vorzeit sie gesehen. Wir
nennen unter diesen Formen als die wichtigsten: die bessere Ausbildung der Geldwirtschaft
und der Arbeitsteilung, das höher stehende Arbeitsrecht und die gefündere Klassenbildung,
die bessere Sicherung der individuellen Freiheit von Person und Eigentum, die Ver—
'assungsformen mit einer Teilnahme des Volkes an Regierung und Verwaltung, die
großen centralisierten Staatshaushalte neben der freien Unternehmung von einzelnen,
Gesellschaften und Genossenschaften. All' Derartiges hatte früher gefehlt oder war un—
vollkommen gewesen.
Diese ganze Entwickelungsreihe glaubten wir nun am besten vom specifisch-wirt—
ichaftlichen Standpunkt aus in die vier oder fünf folgenden Abschnitte zu zerlegen:
l. die Epoche der agrarischen Eigenwirtschaft und des Stammeslebens (wobei eine
kriegerische Zusammenfassung von Stämmen zu politischer Einheit nicht ausgeschlossen
st); es handelt sich für die abendländische Geschichte um die Zeit bis ins 10. und
41. Jahrhundert; 2. die Epoche der Stadtwirtschaft und der stadtwirtschaftlichen Gebiete,
die wieder nicht ausschließt, daß eine Anzahl solcher Gebiete unter schwachen feudalen
Obergewalten steht; es ist die Zeit vom 15. bis 16. Jahrhundert; 3. die Epoche der
Mittel- und Territorialstaaten vom 14. bis 18. Jahrhundert; 4. die Epoche der größeren
nationalen Staaten- und Volkswirtschaftsbildung vom 16. Jahrhundert beginnend, haupt—
sächlich erst im 18. und 19. Jahrhundert sich vollendend; 5. die Epoche der neuen Welt—
staaten und der vordringenden weltwirischaftlichen Beichungen. Fie nit dem Kolonial—