1127)] Die Stufen der neueren wirtschaftlichen Verfassungsformen. 669
erwerb der europäischen Staaten beginnt, aber erst seit 50 Jahren eine große Aus—
dehnung annimmt, bis jetzt aber auch nur zu einem gewissen Gleichgewicht zwischen
drei mächtigen Riesenreichen (Großbritannien, Rußland, Vereinigte Staaten), zwei loser
gefügten von gleichem Umfang (China, Brasilien) und, den teilweise gewachsenen (Frank⸗
reich, Deutschland) oder seit lange stabilen Großstaaten (Osterreich-Angarn, Spanien u. sJ. w.),
jowie der übrigen mittleren und Kleinstaaten geführt hat. Wir suchten zu zeigen, daß
der eigentliche Begriff und die Thatsache der Volkswirtschaft erst seit dem 17. und
18. Jahrhundert mit den modernen Nationalstaaten, ihrer inneren geistigen und wirt—
schastlichen Verbindung und mit ihren Wirtschaftskämpfen untereinander entstanden sei.
Diese unsere zuerst 1884 näher begründete Einteilung, und der damit behauptete
Stufengang ist dann von Bücher neun Jahre später in etwas abweichender, aber doch
ähnlicher Weise als Resultat seiner felbstaändigen Studien wiederholt worden. Auch
Sombart ist trotz aller Kritik an seinen Vorgängern doch zu einer analogen Einteilung
gekommen. In einem großen Teil der volkswirtschaftlichen und historischen Litteratur
des In- und Auslandes, ja sogar bei heftigen wissenschaftlichen Gegnern von mir, ist
heute der mit dieser Einteilung geschaffene Sprachgebrauch weit veroͤreitet.
Über die Abweichungen Büchers und Sombarts seien nur zwei Worte ein—
geschoben. Bücher geht von der Arbeitsteilung und dem Verkehr, dem Gegensatz der
Eigen- zur Verkehrswirtschaft, der Weglänge des produzierten Gutes von der Produktions—
zur Konsumstelle aus, ich von den wichtigsten wirtschaftlichen Organen; er rückt die
Form der wirtschaftlichen Beziehungen, die Entstehung der heutigen Wirtschaftskategorien
in den Mittelpunkt, prüft, wann und wie sie entsprechend der wirtschaftlichen, weiteren
Ausbildung entstanden. Was er sagt, ist mehr nur willkommene Ergänzung und Aus—
iührung meiner Theorien, als eine Ersetzung derselben. Sombart, in seiner Neigung,
alle älteren Worte und Begriffe zu verwerfen, ein Heer von neuen zu bilden, belehrt
uns erst darüber, was er unter Wirtschaftseinheit, Betriebsform, Wirtschaftsform,
Wirtschaftsprincip, Wirtschaftsordnung, Wirtschaftssystem, Wirtschaftsstufe verstehe; er
jagt uns dann, daß er eine Legion von Wirtschaftsordnungen, zehn Wirtschaftssysteme,
acht Betriebsformen, drei Wirtschaftsstufen und zwei Wirtschaftsprincipien (Bedarfs—
deckungs- und Erwerbswirtschaft) annehme. Neben all' den neugeprägten Begriffen
»raucht er aber auch die bisherigen, wie z. B. Familienwirtschaft und Stadtwirtschaft.
Seine drei Stufen, Individual-, Übergangs- und Gesellschaftswirtschaften haben doch in
ihrer letzten Bedeutung die gleichen Einrichtungen und Zustände im Auge, wie die Ein—
teilung Haus⸗, Stadt⸗, Volkswirtschaft. Und am Ende versichert er uns, eine wissen—⸗
schaftlich brauchbare Systematik der wirtschaftlichen Organisation müsse sich auf eine
bestimmte empirische Geschichtsepoche (europäisches Mittelalter und neuere Zeit) be—
schränken, und die typischen Betriebsformen dieser Epoche findet er im Handwerk (das
ür ihn den älteren Bauern- und Handelsbetrieb mit umfaßt) und in der kapitalistischen
Unternehmung. Diesen selben empirischen Zeitaltern ist eben meine und Büchers Ein—
teilung im wesentlichen entnommen.
3. Wir wiederholen hier nun nicht, was wir in unserem ganzen Grundriß da und
dort über die genannten Wirtschaftsepochen gesagt haben. Wir suchen sie nur noch etwas
näher zu erläutern. Die Einteilung geht vom Wesen der wirtschaftlichen Vergesell—
schaftung aus. Das schließt zweierlei in sich.
a. Wir sehen, daß die wirtschaftlich zusammenwirkenden Körper nach bewohnter
Fläche und Menschenzahl successiv größer werden. Wir werden als typische
Zahlenbilder der sich folgenden Stufenreihen etwa folgende hinstellen können: erst
Stämme von 1000- 25 000 Menschenseelen über einige Hundert oder auch tausend
Geviertkilometer hin gesiedelt; dann Stadtgebiete bis zu 10000 ja 200 000 Seelen,
dichter auf engerem Raum gesiedelt; weiterhin Mittel- und Territorialstaaten mit
1-2 Mill. Seelen auf Gebieten von 5000- 150 000 qkm; endlich Staaten und
Volkswirtschasften von 2550 und mehr Mill. Menschen auf Flächen von 0,2-0,8 und
mehr Mill. qkm; zuletzt, seit neuerer Zeit, Weltreiche von 2528 Mill. qkm mit 80,
100, ja bis 400 Mill. Seelen. Wo in älterer Zeit solch' größere Staaten entstanden,
waren sie ohne oder fast ohne freien inneren wirtschaftlichen Zusammenhang: jetzt isi