670 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. (1128
dieser wachsende innere Kitt das Wesentliche dieser Gebilde. Die Vergrößerung der
wirtschaftlichen Körper besteht zugleich in innerer Verdichtung wie in äußerer An—
gliederung von Ländern und Menschen durch Bündnisse, Eroberung und Verschmelzung.
Die Vergrößerung erfolgt, jetzt wie früher, teils natürlich, noch vielmehr aber abfichtlich,
weil die kleinen Gebilde mit ihrer unvollkommenen Spitze zu schwach nach außen und
unfähig zu großen inneren, vor allem auch zu großen wirtschaftlichen Fortschritten sind.
Die älteren Stufen, die Stammes-, die Stadt-, die Territorialwirtschaft, bleiben, je auf
einem gewissen Punkte der Entwickelung angekommen, still stehen, machen weder geistig
noch wirtschaftlich weitere große Fortschritte, reiben sich innerlich durch Klassenkämpfe
auf, können ihren Bevölkerungsüberschuß nicht mehr unterbringen. Nach außen zeigt
jede dieser Verfafsungsformen Zeiten des Friedens und dann wieder des Kampfes. Vor
allem der UÜbergang zu größeren Körpern hat in der Regel mit der verbesserten Kriegs—
verfassung zu Reibungen und Rivalitätskämpfen führen müssen; sie dauerten, bis all⸗
zemeiner die neuen größeren, auf breiteren geographischen Grundlagen ruhenden Gemein—
wesen gebildet waren. Daher Epochen mit zahlreichen Stammes-, Stadt-, Territorial⸗
und Staatskriegen, denen dann wieder befriedetere Zeiten mit wachsendem geistigen und
Warenverkehr folgen. Aller Fortschritt der Menschheit beruht auf der Rivalität, der
Wechselwirkung, den Kämpfen, dem friedlichen Verkehr und der Nachahmung der Staaten
und Wirtschaftskörper untereinander.
b. Innerhalb der so geschilderten wirtschaftlichen, successiv sich vergrößernden Körper
oollzieht sich nun die wirtschaftliche Vergesellschaftung immer in der Doppelform von
rentralen und peripherischen Wirtschaftssorganen. Alle diese Organe entstehen
ursprünglich in Anknüpfung an die schon länger bestehende Vergesellschaftung und Organ—
bildung, wie sie durch Bluts- und Geschlechtszusammenhang, gemeinsame Siedlung, Kriegs—
uind Friedensverfassung sich gebildet hat: Muttersippen, Geschlechter, Stammesorgane ent—
vickeln sich seit ältester Zeit, so lange die wirtschaftliche Fürsorge fast noch eine ganz
individuelle ist. Aber sie übernehmen nun successiv einzelne und immer mehr wirtschaft-
iche Funktionen: es entsteht die Haus- und Familienwirtschaft einerseits, die Mark-, Dorf⸗
und Stammeswirtschaft, die agrarische Feudalverfassung andererseits. In der stadt—
wirtschaftlichen Epoche stehen neben der fürstlichen und bischöflichen Fronhofswirtschaft
und der städtischen Ratswirtschaft: a) die Grundherrschaften und die Dorfwirtschaften der
Amgebung, b) die Einzelwirtschaft der Händler und Handwerker, der Hufner und Köter
in Stadt und Land. Im Territorium sehen wir einen großen fürstlichen und einen
rentralständischen Haushalt neben denen der Städte, Grundherren, Dörfer und allen
EFinzelwirtschaften in ihnen. In der Volkswirtschaft endlich entstehen die modernen
ffentlichen Finanzwirtschaften von Staat, Provinz, Gemeinde; es kommen zu den
»isherigen privaten Haushalten alle neueren Erwerbswirtschaften und Unternehmungen,
zuletzt die Aktiengesellschaften, Kartelle und Trusts. Und stets ist die Art des Zu—
sammen- und Gegeneinanderwirkens der centralen und der peripherischen Wirtschaftsorgane,
die Arbeitsteilung zwischen diesen zwei Sphären das für die jeweilige Verfassung des
Wirtschaftslebens Entscheidende. Nirgends werden mehr, wie in den älteren Despotien,
die unteren Wirtschaftsorgane nur ausgepreßt, sondern sie stehen auf festem Rechtsboden,
saben im Absatz und Marktverkehr eine gesicherte freie Selbstbetätigung. Ein freies
System der Arbeitsteilung ist durch die Geldwirtschaft möglich geworden. Innerhalb
and neben den wachsfenden Privat- und den öffentlichen Wirtschaften erhält sich die
Hauswirtschaft, die Dorfwirtschaft, die Stadtwirtschaft, wenn auch umgebildet und mit
anderen Funktionen als früher.
4. Nur noch mit wenigen Worten kann es sich darum handeln, den Fortschritt
von der alten Eigen- und Bedarfsdeckungswirtschaft zur neueren Erwerbswirtschaft, von
der Natural- zur Geldwirtschaft, von dem erst lokalen Kundenverkehr zum heutigen inter—
lokalen und weltwirtschaftlichen Warenverkehr, von den alten kleinen zu den heutigen
großen Betrieben, von den alten einfachen zu den heutigen komplizierten Gemeinwirkschafts—
ormen und all' die weiteren Fortschritie zu schildern, die in dieser Stufenfolge enthalten find.
a) Auf der ersten der genanuten Wirtschaflsstufen hal der viehzücthande Adersmann