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672 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. [(1130
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mehrhundertjähriger Handels- und Kolonialkriege. Nach innen bildet sich die königliche
Gewalt in centralistischer Weise unter Zurückdrüngen der ständischen Verfassung, unter
Einschränkung der lokalen Gewalten, der Städte, der Grund- und Gutsherrschaften, der
Kirche, der Korporationen aus. Große eentrale staatliche Haushalte, Geldsteuern, Staats—
schulden, Heer, Flotte, Beamtentum, große staatliche Domänen-, Forst-, Bergwerks-, Salinen—
betriebe bilden die Signatur der merkantilistischen Zeit. Die Klassenkämpfe, die Händel
zwischen Stadt und Land, zwischen einzelnen Städten und einzelnen Provinzen treten zurück
oder ruhen, weil die starke Staatsgewalt schiedsrichterlich Frieden stiftet. Es ist zugleich
die Zeit, in welcher die geistige und die wirtschaftliche Einheit ganzer Nationen sich voll—
endet. Der Buchdruck, die Prefse, die Schule, die religiös-kirchliche, wie die weltliche
Bildungspropaganda schaffen geistig-nationale Einheiten und eine öffentliche Meinung,
wie sie früher nicht bestanden. Die Verkehrsmittel, die Gewerbe- und Niederlaffungsfreihen,
ie freie Konkurrenz fördern dann im 19. Jahrhundert auf dem freien inneren Markt
ine Arbeitsteilung, eine Marktproduktion, wie nie früher; die alte Haus- und Eigen—
irtschaft tritt zurück, die Familienwirtschaft giebt mehr und mehr die eigentliche Güter—
roduktion auf, beschränkt sich auf die Konsumtion; die altväterischen, an die Familie
angelehnten Kleinbetriebe mit lokalem Absatz werden in steigendem Maße durch kaufmännisch
zeleitete, auf moderne Technik gestützte größere moderne Unternehmungen verdrängt.
Der neue private Großbetrieb drückt der modernen Volkswirtschaft zunächst seinen Stempel
auf: die Gefichtspunkte technisch vollendeter billiger Produktion und gewinnbringenden
Absatzes gelangen zum erstenmal voll zur Herrschaft, aber die neue Betriebsform treibt
auch den wirtschaftlichen Egoismus der Unternehmer, die Ausbeutung der Arbeiter, die
Klassen herrschaft der Bourgeoisie da auf die Spitze, wo die Gegengewichte fehlen. Unter
dem Mantel der wirtschaftlichen Freiheit will eine kleine Geschäftsaristokratie Staat und
Volkswirtschaft von fsich abhaͤngig machen.
Solche Ziele hatte der Merkantilismus noch durch seine bevormundende Staats—
gewalt gehemmt. In der zweiten Phase der modernen Volkswirtschaft (1789 — 1860),
deren Ideal der schwache Staat und die starke Gesellschaft, der manchesterliche Liberalismus
ist, vollendet sich dieser Sieg der freien privaten Unternehmung; aber das nun von
1860 — 1900 zunehmende Gefellschafts-, Aktien-⸗ Trustwesen zeigt schon durch seine korpora—
tiven Formen eine Umbildung und entgegengesetzte Richtung. Außerdem erzeugen die
Arbeiterorganisationen, das Genossenschaftswesen, die socialen Kämpfe, der Arbeiterschutz
eine Gegenbewegung gegen die Allgewalt der Unternehmer, ihre Härte, ihren Gewinn. Hier
walten die Ideen brüderlicher Solidarität, gerechter Güterverteilung, socialer Hülfe umd
Emporhebung der Schwachen vor. Die seit 1870 wieder zunehmende wirtschaftliche
Tätigkeit von Staat und Gemeinde, die Eisenbahnverstaatlichung, die staatliche Leitung
der Centralnotenbanken, die staatliche Ordnung des Arbeiterversicherungswesens, die
ganzen socialen Reformbestrebungen sind gewissermaßen der andere Flügel der Gegen—
bewegung gegen die Schattenseiten der vein großindustriellen Entwickelung. Wir haben
im letzten Paragraphen des ersten Bandes (8 147) gesehen, wie diese Strömungen mit
einander ringen, der modernsten Volkswirtschaft einen neuen veränderten Charakter geben.
Wir haben im Kapitel über die Handelspolitik nachgewiesen, wie der die Weltwirischaft
begünstigende Freihandel einer neuen Ära der Schutzpolitik Platz macht, die auch wieder
den staatlichen Einfluß auf das Wirtschaftsleben stärkt.
Wir dürfen weder die heutigen socialen Fragen, noch die weltwirtschaftlichen Tendenzen,
noch diese neuesten Betriebsorganisationsfragen hier nochmals erörtern. Wir haben hier
aur zum Schluß zu konstatieren, daß der geschilderte Stusengang der volkswirtschaftlichen
Organisationsformen eine immer größere und intensivere Vergesellschaftung der wirt⸗
schaftenden Personen und Organe bedeutet, und daß diese Vergesellschaftung das große
Instrument der Produktionssteigerung, der wachsenden Produttivität der Arbeit, der
besseren Sicherung der wirtschaftlichen Eristenz der gesamten Menschheit ist.
Freilich wird dadurch auch der Organismus jeder einzelnen Volkswirtschaft wie
der der ganzen Weltwirtschaft immer komplizierter, die Gefahr von Stockung und
Kämpfen, von Stillstand und Niedergang wächsft, wenn nicht die Menschen immer besser,