1185)] Die sittlichen Kräfte, ihre Wirkung auf Blüte und Verfall. 677
Wir sahen, daß den großen volkswirtschaftlichen Aufschwungsperioden Zeiten
geistig⸗-sittlichen Fortschrittes vorausgegangen waren. Wir erblicken die letzte Ursache
untergehender Völker und Volkswirtschaften in dem Erlbschen ihrer sittlichen Kräfte.
Was verstehen wir darunter?
Wir haben das nützliche als das zweckmäßige Handeln auf dem Gebiete der
niedrigen äußeren Zwecke, das sittliche Handeln als das zweckmäßige auf dem Gebiete
der hoͤheren und socialen Zwecke definiert (( 8 62). Alles politische und volkswirt—
schaftliche Leben, sofern es auf einem Zusammenwirken von Menschen beruht, gehört
diesem Gebiete an. Die steigende Erkenntnis der gesellschaftlichen und psychologischen
Folgen des menschlichen Handelns bahnt uns den Weg zum Sittlichen; der Sieg der
höheren edlen Gefühle über die niedrigen giebt uns die Kraft, sittlich zu handeln. Der
künftige oder sofortige Sieg der edlen, sür Wahrheit und Gerechtigkeit kämpfenden Helden,
Staatsmänner, Apostel und Märtyrer über die Gemeinheit, Dummheit, den Egoismus
hebt die Völker empor, schafft fittliche Kräfte in breiteren Schichten. Indem die
Menschen nicht bloß dem Augenblick und dem Genuß, sondern zugleich der Zukunft,
der Gesellschaft, dem Staate, der Menschheit leben wollen, erheben sie sich zu sittlichen
Charakteren. Wo die Menschen diese Höhe des Standpunktes nicht einnehmen oder wieder
verlieren, nur sich und ihrem Egoismus leben, sinken sie herab, lösen und bedrohen
fie die Bande der Gesellschast. Alle Bildung von führenden Aristokratien und Re—
gierungen beruht darauf, daß sie einerseits Vertreter der geistig-technischen Fortschritte,
andererseits zugleich die sittlichen Fuhrer ihres Volkes sind. Sobald sie aufhören dieses
zu sein, schwächt sich ihre Stellung, beginnt die Klassenherrschaft, das Unrecht. Für
aͤlle höher entwickelten Völker ist es daher eine der wichtigsten Fragen, ob und wie
weit Regierende und obere Klassen dem Gesamtwohl dienen oder dem eigenen Vorteil,
dem eigenen Genuß und Erwerb. Wo sie in letzterer Weise handeln, ahmen ihnen not⸗
wendig bald auch die übrigen Klafsen nach; das ganze Volk degeneriert moralisch.
Dabei verlangt natürlich die sittliche Pflicht niemals, daß der einzelne, stehe er
hoch oder niedrig, nicht für sich, seine Familie und Kinder, für seinen Erwerb und sein
Vermögen, seine Gesundheit, sein Emporsteigen sorge; das ist erlaubt und sogar Pflicht.
Eine Ration von Idealisten, die das vergäße, die den Selbsterhaltungstrieb ausrotten
wollte, ginge zu Grunde. Aber die selbstischen Sorgen sollen nie allein die Menschen
beherrschen; es soll ein Gleichgewicht zwischen ihnen und dem höheren Streben vorhanden
sein; und dieses Gleichgewicht wird sich in den Regeln der Moral, der Sitten, des Rechtes,
in den Institutionen zeigen. Wenn veränderte äußere und innere Umstände die alten
Regeln und Institutionen auflösen, so müssen bei der Neubildung derselben nicht bloß
der Egoismus, sondern ebenso Pflichtgefühl und Hingabe an das Gemeinwohl Pate stehen;
zumal in den Zeiten der Auflbsung des Alten, der Bildung des Neuen müssen solche
Kräfte, die wir die sittlichen nennen, stark genug im ganzen Volke und bei seinen
Führern vorhanden sein.
Man hat oft gesagt, es gebe keinen sittlichen Fortschritt, sondern nur einen
folchen des Wissens. Auch Goethe sagt: „klüger und einsichtiger werden die Menschen,
aber nicht befser, glücklicher und thatkräftiger oder nur auf Epochen.“ Manche meinen,
nur die Inflitutionen würden besser, nicht die Individuen. Aber diese wirken doch
auf die Menschen zurück. Ursprünglich war der Mensch fast ein Tier, heute wird er
von VBernunft, höheren Gefühlen, kluger Einsicht und Fernsicht, steigendem Wissen be⸗
herrscht, und das macht ihn besser. Ich möchte den Satz Goethes umkehren: der Mensch
ist körperlich, geistig und moralisch unendlich fortgeschritten; aber der Fortschritt ist
schwierig und schwankend; gar leicht wird bei Umbildung zu neuen Zuständen die Harmonie
hon Korper und Geist, von Wissen und Charakter, von Egoismus und Pflichtgefühl gestört;
und deshalb werden immer wieder vorüber gehende Epochen des körperlichen, des geistigen,
des moralischen Verfalles kommen. Immer wieder wird der Mensch vor größere Aufgaben
gestellt, denen er, denen die Gefühle, Ideen, Institutionen der Gegenwart noch nicht
—— nach mancherlei Schwankungen, Irrfahrten, Rückschlägen