66 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [324
Tauschmittel bestimmte Länge, Breite und Qualität zeigen. In Bezug auf die Metalle,
die Edelsteine, die Pakete Thee oder Tabak konnte man, sobald Wage und Gewicht
vorhanden war, Gewicht und Menge immer wieder' feststellen; man zahlte also mit
der Wage in der Hand, sofern es sich um Kupfer-, Bronze-, Silberstücke oder solche
Pakete handelte. Und ein Weiteres hat sich überall von selbst eingestellt: da diese
bevorzugten Güter alle nebeneinander zu Zahlungen verwendet wurden, dabei häufig
einander vertraten und dies konnten, so weit die einzelnen Exemplare sich im großen
und ganzen glichen, so hat das rohe und einfache Wertbewußtsein der primitiven
Menschen diese als Tausch- und Zahlmittel gebrauchten Güter nach Art und Maß in
eine feste Wertrelation zueinander gebracht. Sie konnten sich nun gegenfseitig ver—
treten, weil das ursprüngliche naive Wertbewußtsein viel mehr von objektiven Maß—
stäben als von individuell subjektivem Urteil beherrscht wird. Die Pecunia der Ouellen
des 5.-12. Jahrhunderts umfaßt alle diese bevorzugten Tauschmittel; in festen
Tarifen ist bestimmt, daß die zur Zahlung verwendete Kuh nicht über acht Jahre alt,
unbeschädigt an Hörnern, Schwanz, Euter und Klauen sein müsse, daß sechs Schweine
gleich einem Rind, ein edles Pferd gleich einem Leibeigenen sei. Inama sagt, 120 Jahre
lang schätzte man einen Modius Getreide und ein Denar bei den Germanen, noch
länger einen Leibeigenen und zwölf Denare gleich. Und noch im 13.-14. Jahrhundert
konnten im Osten Deutschlands ein Pfund Goldes oder 240 Denare bei Tausenden von
Menschen und in allen Anschlägen für gleichbedeutend mit 24 Scheffel Roggen oder
Gerste, 16 Scheffel Weizen, 12 Scheffel Erbsen, 48 Scheffel Haser und 120 Hühnern
zelten. Natürlich nicht so, daß nun nicht abweichende Preise unter besonderen Ver—
hältnissen einmal vorgekommen wären, sondern nur so, daß ein fester Grundstock
iypischer wirtschaftlicher Schätzungen vorhanden war und in der Regel Anwendung fand,
und daß das feste Rückgrat dieser Wertvorstellungen durch die beliebtesten Güter und
das Wertverhältnis gebildet wurde, in dem sie untereinander und zu allen anderen
Bütern standen. Durch diese Zahlen und die damit verknüpften Qualitäts- und
Quantitätsvorstellungen war eine Wertfkala mit bestimmten Graden entstanden, und
erreichte dieses Naturalgeld, wie wir es nennen können, eine viel größere Brauchbarkeit,
eine gewisse rohe Teilbarkeit, Vertretbarkeit, als wenn nur Vieh, nur Pelze, als wenn
beliebte Waren ohne Größen-, Qualitäts- und objektive Wertbemessung cirkuliert hätten.
Deshalb treffen wir auch überall eine Reihe solcher Zahlmittel nebeneinander.
Allerdings mit der Tendenz, daß der zunehmende Verkehr mehr und mehr einige
wenige dieser Güter und zuletzt gar eines in den Vordergrund drängt, das Gut, das
am häufigsten begehrt und genommen wurde, und das so zuletzt eine ganz eigenartige
Stellung erhielt. Es ist ein sehr langsamer Differenzierungsprozeß, den wir so vor
uns haben, der bei vielen Völkern lange Jahrhunderte und Jahrtausende dauerte, dessen
letztes Resultat aber stets war, daß die Metalle, und besonders und zuletzt die edlen,
an die erste Stelle unter diesen Tauschgütern rückten.
Der Besitz und die Benutzung der Metalle, die Fähigkeit sie zu verarbeiten, bildet
nach allen Seiten einen der wichtigsten Fortschritte in der wirtschaftlichen Entwickelung
der Stämme und Völker (vergl. I18 81 S. 201). Mit Bronze, Kupfer und Eisen
waren die Stoffe für alle Werkzeuge gegeben; die edlen Metalle waren das begehrteste
Schmuckmittel neben Perlen und Muscheln; sie wanderten als Ringe und in anderer
Zierform, bald aber auch in Nachbildung von Tieren, z. B. Stieren oder Stierhäuptern
und in Klumpen, Scheiben, Schüsselchen und Platten von Hand zu Hand; sie wurden
am frühesten mit der Wage gewogen, so dem Gewicht nach zu Zahlungen gebraucht
und dann naturgemäß in bestimmte Stücke zu ein oder mehreren Pfunden hergestellt.
Langsam hat so hier das Eisen und Kupfer, dort das Silber oder das Gold eine
bevorzugte Stellung unter den Tauschmitteln erreicht; meist treten mehrere derselben
zuerst nebeneinander auf, bis eines das Übergewicht erreicht, wie z. B. bei den Semiten
Vorderafiens, den Agyptern und Griechen das Silber, bei den Latinern das Kupfer.
Indem Maß und Gewicht naturgemäß auf alle diese Metallstücke angewandt
wird, indem erst Kaufleute, dann besondere privale Probierer die Pfundstücke Erz oder