Full text: Verkehr, Handel und Geldwesen. Wert und Preis. Kapital und Arbeit. Einkommen. Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik. Historische Gesamtentwickelung (2.1904)

531)] Das Problem des Nebeneinanderbestehens von Groß⸗ und Kleinmünze. 73 
Das wurde nur unter besonders günstigen Verhältnissen und vorübergehend erreicht. 
Die Verschlechterung des Pfennigs dauerte überall fort. Er war 1400 etwa !/ 800, 
16524 148016, 1551 1,2773 der feinen Mark. Die silberne und goldene Großmünze, aus 
der Fremde stammend, konnte ihre Handelsfunktion nur erfüllen, wenn man fortfuhr, 
—D—— 
münze in feste Relation gebracht werden; das war nur möglich entweder durch eine 
Verbesserung dieser, die wegen der vorherrschenden Preise und der Nachbarn aus— 
geschlossen war, oder durch eine Verschlechterung jener, zu der man nach und nach auch 
schritt, wie man den rheinischen Gulden absichtlich leichter prägte, erleichterte, um ihn 
dauernd im 15. Jahrhundert auf 24 Albus oder Großsilberstücke zu halten. Aus diesem 
Kampf zweier entgegengesetzter gleichberechtigter Interessen kam man nicht heraus. Und 
dazu kamen weitere Schwierigkeiten. Je größer das Bedürfnis an Münzen wurde, desto 
schwieriger war für alle Münzherren ohne Bergwerke die Edelmetallbeschaffung. Bis ins 
18. Jahrhundert haben stets wieder die meisten Münzherren ein, fünf, zehn und mehr 
Jahre lang den Münzhammer aus diesem Grunde ganz oder fast ganz ruhen lassen müssen. 
Die Normierung des Münz- und Geldwesens durch Instruktionen und Ordnungen 
wurde in dem Maße schwieriger, als es sich nicht mehr um die örtliche Angelegenheit 
eines städtischen Marktes, sondern um die ganzer Gebiete und Staaten mit verschiedenen 
Zuständen und Interessen handelte, und als man mehr und mehr durch die Münz— 
und Geldzustände der Nachbarn mit berührt wurde. Die Zersplitterung des Münz— 
rechts wurde jetzt erst ein Übel ohne Gleichen; sie zu beseitigen gelang nur langsam, 
an einzelnen Punkten. Und dabei dauerte die alte Finanzvorstellung, daß die Münze 
einen fiskalischen Gewinn geben solle, nicht nur fort; sie erhielt durch die größeren 
Prägungen einerseits, die wachsenden Finanznöte der Fürsten andererseits vom 14. Jahr-— 
hundert an noch einen Antrieb stärkster Art zur Geltendmachung; man sah jetzt, daß man 
durch schlechteres Geld, dem man den Stempel des alten bessern ließ, Tausende, ja bereits 
Millionen im Moment schaffen könne; und die Versuchung hierzu war um so größer, 
je schlimmer die Finanznot und je stärker die Regierungsgewalt war. Die heute noch 
nicht verschwundene theoretische Vorstellung, daß der fürstliche Stempel dem Edelmetall 
seinen Münzwert gebe, war damals noch viel verbreiteter, und sie wurde stets erst Lügen 
gestraft nach Monaten und Jahren, nicht im Augenblick. Nimmt man alle diese 
Momente zusammen, so begreift man, wie unendlich schwierig es gerade vom 14. —18. 
Jahrhundert war, zu einem gesunden Münzwesen zu kommen, wie so mit der Groß⸗ 
münze zunächst eher eine Zunahme als Abnahme der Münzwirren und -Krisen eintrat. 
In Italien hatten Florenz und Venedig in ihrer Blütezeit wohl ein gutes 
Geldwesen; aber im übrigen und vollends im 16.418. Jahrhundert waren die 
italienischen Münzzustände geradezu haarsträubend. In Frankreich hatte die Krone 
das Munzwesen fruüh centralisiert, dafür waren aber auch die fiskalischen Mißbräuche 
im 14. Jahrhundert und auch später oft wieder sehr schlimm. In England hatte die 
starke Königsgewalt und ihre jrühe Ausbildung dem Lande bis etwa 1888 ein gutes 
gleichmäßiges Silbergeld erhalten; dann folgten auch schlimme Münzfußerleichterungen, 
am brutalsten 1349—52; von da an hat England sich durch ein im ganzen gutes 
Geldwesen ausgezeichnet, wenn es auch noch manche Anstöße und Münzwirren erlebte. 
In Deutschland haben einzelne Erzbischöfe und Städte, wie Köln, Straßburg, Lübeck, 
Erfurt, Nürnberg, für einige Generationen wohl im Laufe des 18.—16. Jahrhunderts 
sich ein leidliches Geldwesen im engsten Kreise erhalten, aber sie scheiterten immer wieder 
durch die Berührung mit dem Münzwesen ihrer Nachbarn; ein Heer von Münzverträgen 
und Münzvereinen sollte Besserung bringen, hat auch im einzelnen viel gebessert, im 
ßdanzen aber die mangelnde einheitliche Staatsgewalt und Münzhoheit nicht ersetzen 
können. Von 1850 1450 waren alle deutschen Stadtgebiete schon viel zu klein für 
ine selbständige Münzpolitik geworden. Die Fürsten suchen von 1400 an das Münz— 
wesen in den größeren Territorien rechtlich und faktisch zu centralisieren. Nur wenigen 
dündern mit guter Verwaltung, hauptsächlich denjenigen mit Silberbergwerken, gelingt 
es, für ein paar Jahrzehnte wieder mal Ordnung zu schaffen. Das Reich sucht durch
	        
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